Obligatorische Spoilerwarnung
Ich hab das Buch auf Englisch gelesen (meine Bib hatte das schneller verfügbar), wenn ich mich daher etwas holprig ausdrücke, liegt das also natürlich nur daran :D
Wurde sofort eines meiner top 5 Bücher Ich war nachdem ich es fertig gelesen hatte auch erstmal baff und musste ein paar Minuten einfach nur das Cover anschauen. Was für ein wunderschönes und weises Buch. Love it.
Die Handlung findet in der Zukunft statt. Irgendwann haben die Roboter Bewusstsein erlangt und beschlossen, dass sie auf ein Fabrikhallendasein keine Lust mehr haben und sind in die Wildnis gezogen. Die Menschen haben das akzeptiert und friedlich zugelassen. Man lässt sich gegenseitig in Frieden. Im Anschluss hat die Menschheit ihre gesamte "Wirtschaft" und Art zu arbeiten darauf angepasst. Es wurden aus ethischen Gründen keine neuen Roboter gebaut, die Menschen stellen alles was sie brauchen mit Werkzeugen selbst her. Materialien werden so weit es geht recycled oder aus Gebäuden der industriellen Zeit entnommen. Gebäude sind aus biologisch abbaubaren Materialien gebaut und werden, wenn sie verfallen entweder repariert oder recycled. Es gibt einen paganen Kult mit einer Hand voll Gottheiten, die jedoch nicht aktiv in das Geschehen der Menschheit eingreifen, sondern eher als "Wegweiser" dienen. Die Menschen scheinen im relativen Wohlstand zu leben, genießen Freizügigkeit, können sich frei entfalten und haben insgesamt sehr große Möglichkeiten sich selbst zu verwirklichen.
Das erkennt man auch an Dex. Erstmal weil they enby ist und das aber nie Thema wird. Vor allem aber, weil they sich eben völlig frei entfalten kann. Dex wird in einer bäuerliche Familie hereingeboren, die they mag aber mit der they nicht wirklich viel anfangen kann. Deren Vater bringt them in deren Kindheit zu einem Schrein/Tempel für Allale und they ist begeistert von Teemönchinnen und dem ganzen Rest. So ist es auch wenig verwunderlich, dass they selbst Mönchin wird. Aber auch dort fühlt they sich irgendwann wie von deren Umgebung "erstickt" und beschließt Telemönchin zu werden. Die Oberin (?) ist zwar überrascht, legt Dex aber keine Steine in den Weg. They wird komplett ausgerüstet incl. Wagen und oxbike (ich nehme eine Form von E-Bike) und bekommt Ausbilderinnen angeboten, was they aber ablehnt.
Auch hieran sieht man, dass die Gesellschaft extrem frei zu sein scheint. Dex ist Teil eines "Klosters", kann aber frei über deren Berufsausübung entscheiden (they muss nur jemanden finden der_die Dex Aufgaben übernimmt), hat Freund*innen außerhalb des Ordens, kann deren Familie so oft besuchen wie they will, ist nicht an irgendjemandes Weisung gebunden und kann Sex haben so viel they mag. All das klingt nicht nach dem was wir heute unter einem Mönchs/Nonnendasein verstehen würden. Auch außerhalb des Klosters wirkt die Welt sehr frei. Wir hören nie von einer obdachlosen Person, insgesamt nie von Armut. Die Gesellschaft ist geprägt von "wenn du mehr hast als du brauchst mach deinen Tisch länger, nicht deine Mauern höher". Wir hören nie etwas von einem Staat (oder ich habe es überlesen), es gibt ein paar Regeln und Bräuche an die sich alle zu halten scheinen (z.b. Wildnis in Frieden lassen wenn möglich, Recycling etc wenn möglich, einen Taschencomputer in der Jugend geschenkt bekommen, Essen abgeben wenn man kann), aber wir lesen nie etwas von Polizei, Gefängnis, Militär etc. Die Menschheit hat sich entschieden die Hälfte des Landes der Natur zu überlassen (auch wenn Dex kommentiert, dass das schon wieder hart menschlich ist die Hälfte für sich zu beanspruchen), möglichst mit der Natur im Einklang zu leben und ggf. auch okay damit zu sein in einzelnen Punkten nicht mehr der Natur überlegen zu sein/über diese bestimmen zu können (siehe die Erzählung mit Wildhunden und Elchen).
Dex will auf jeden Fall im diy Verfahren Telemönchin werden. Teemönchys sind ein bisschen eine Mischung aus einem niederschwelligen psychologischem Beratungsangebot/Seelsorge und Kräutermedizinys. They entscheidet sich das Handwerk komplett diy zu lernen und lehnt entsprechend Lehrangebote ab, was auch dazu führt, dass erste Versuche erst einmal sehr holprig laufen. Aber they zieht in eine nahe Ortschaft wo them niemand kennt und lernt viel über Kräuterkunde. Das Buch springt an dieser Stelle zwei Jahre in die Zukunft. Dex ist inzwischen etabliert und reist mit deren Wagen durch die Länder, um deren Dienste anzubieten. They wird als der_die beste Kräutermönchin bezeichnet. Doch Dex fühlt sich wieder unruhig und nicht erfüllt. So entscheidet they sich in eine Einsiedelei in der Wildnis zu reisen, weil they gehört hat, dass dort Grillen in der Gegend leben sollen. Die Straße Richtung Einsiedelei ist verfallen und die Reise geht nicht so schnell voran wie Dex das gewohnt ist. Bei einer Rast wird they (komplett nackt weil frisch geduscht) von einem Roboter überrascht .
Der Roboter hat sich freiwillig gemeldet, um zu erforschen wie es den Menschen seit der "Trennung" ergangen ist und will daher alles von und über Dex und die Menschheit allgemein lernen. Dex ist erst nicht wirklich begeistert, gibt sich aber der Beharrlichkeit des Roboters geschlagen. Die Roboter entsprechen überhaupt nicht dem Klischee eines Roboters. Helmling ist neugierig, hat eine Persönlichkeit, Humor, Empathie und ist schlecht im Rechnen. Helmling und die anderen Roboter haben keine "lebensnotwendigen" Bedürfnisse denen sie nachgehen müssen (Hunger, Durst, Müdigkeit etc) und widmen ihr ganzes Leben ihrer Neugier und der Erforschung der Natur (bis zu Extremfällen die Jahrzehnte lang z.B. eine Tropfsteinhöhle untersuchen). Alle 200 Tage treffen sie sich (auf freiwilliger Basis) und tauschen sich aus. Außerdem haben sie eine Art Briefkastensystem. Bis darauf sind sie aber völlig ungebunden und ziehen allein oder in Gruppen durch die Natur und forschen. Die erste Generation freier Roboter hat beschlossen, dass es ein "Ablaufdatum" für Roboter gibt (in Form von wenn man kaputt kaputt ist wird man nicht mehr repariert) und die Teile nach dem Tod für eine neue Generation Roboter sind. Ein Roboter wird nach der ersten Sache benannt für die sich der Roboter interessiert.
So reisen sie beiden Richtung Einsiedelei und Helmling lernt von Dex über die Menschheit. Besonders fasziniert ist es vom Kochen und Essen zubereiten. Was mich von beiden beeindruckt hat ist die Sorgfalt der Natur gegenüber. Die Menschheit bezeichnet ein Eingreifen in die Natur als "Gewalt" (auch wenn sie manchmal nötig ist) und Helmling möchte erst keine Kräuter für ein Gericht pflücken, weil es noch nie eine Pflanze "verletzt" hat und sich damit nicht gut fühlt (was dann dazu führt, dass Helmling weiter kocht und Dex wilden Thymian pflückt). Je näher sie der Einsiedelei kommen, desto schwieriger wird der Weg bis ein Erdrutsch die Straße komplett blockiert und ein weiterfahren mit Rad und Wagen unmöglich ist. Dex denkt aber gar nicht daran aufzugeben und rüstet sich für einen Fußmarsch aus. Helmling weist them mehrmals darauf hin dass they das nicht durchziehen muss und umdrehen kann. Es erkundigt sich auch, ob Dex in irgendeiner Weise einer Ausgestoßener ist oder einen anderen Grund hat nicht zur Menschheit zurückkehren zu können. Dex ist völlig verbissen die Einsiedelei zu erreichen (um meine Freundin zu zitieren: Dafür, dass Dex agender ist, ist they ein erstaunlich weißer cis Mann :D). Als Regen aufkommt rutscht Dex in deren Verbissenheit beinahe ab und hätte sich vermutlich schwer verletzt, wenn Helmling them nicht aufgegangen hätte. Es überzeugt them in einer Höhle Unterschlupf zu suchen und den Regen abzuwarten. In der Höhle und danach tauschen die beiden sich über deren Kulturen aus. Das ganze findet seinen Höhepunkt als die beiden die Einsiedelei erreichen. Diese ist verfallen aber wunderschön. Verschiedene Bereiche sind den verschiedenen Gottheiten gewidmet und in entsprechende "Arbeitsbereiche" unterteilt. Es ist zwar einiges zerfallen, aber vieles ist auch noch nutzbar. Dex hingegen geht es ziemlich mies. They hat die Einsiedelei erreicht, aber Dexs "Zweck" immer noch nicht "gefunden". Helmling und Dex führen ein längeres Gespräch (oder mehrere, ich bekomme die Timeline nicht mehr so ganz zusammen). Helmling versteht nicht warum Dex immer einen Zweck für deren Leben sucht. Es weist them auf das Paradox hin, dass die Menschheit die Roboter zu einem ganz bestimmten Zweck geschaffen hat, dann aber völlig cool damit war, dass die Roboter diesen nicht erfüllen, in die Natur gehen und ihren eigenen Interessen folgen und gleichzeitig für sich selbst verbissen einen Zweck suchen. Für Helmling ist am Leben sein genug und dieses Leben muss nicht einer genauen Bestimmung folgen (wobei es als Wesen ohne Hunger Durst etc es da natürlich etwas leichter hat). Die beiden reden außerdem über Komfort und Zerstörung. Es wird die These aufgestellt, dass jedes Lebewesen Komfort sucht (z.B. in Form von Nahrungsversorgung, Sicherheit etc) und dieser Komfort ggf. anderen Lebewesen schadet (z.B. in Form von der Komfort dass Hirsche keine Fressfeinde haben, führt dazu dass sich diese ungebremst ausbreiten und ein lokales Ökosystem zerstören). Es wird die These aufgestellt, dass nur Angst diese Eskalation stoppen kann (z.B. Vorhandensein von Fressfeinden verhindert unkontrollierte Ausbreitung und damit Zerstörung) (an der Stelle gehe ich nicht völlig mit). Das Buch endet damit dass Dex erschöpft einschläft und abends vom Geräusch von Grillenzirpen wach wird.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen und auch die Welt die Becky Chambers erschaffen hat. Die Gesellschaft scheint Menschen große Möglichkeiten zu geben sich frei zu entfalten, ist aber gleichzeitig sehr egalitär und im Einklang mit der Umwelt. Es gibt Städte und nicht nur "Bauernhof-Dörfer". Die Menschen suchen eine Art Einklang mit der Natur. Gleichzeitig kommt das Buch ohne den üblichen "Solarpunk-Wortsalat" aus (hydroponik Turm, Solarpaneele, Landwirtschaftskommune, Reparaturgilde etc) und ist trotzdem verdammt Solarpunk. Die Menschen reparieren, gestalten Gebäude auf Nachhaltigkeit, sind umweltfreundlich mobil, bauen ihre Dörfer zum Teil nach der Natur (Baumhäuser) und Leben in Gemeinschaften, aber ohne dass Individuen ihre Selbstentfaltungmöglichkeiten genommen werden. Ich glaube was dem Buch zugute kommt ist, dass es wesentlich weiter in der Zukunft spielt als die meisten Solarpunk Bücher. Während die meisten Jahrzehnte bis wenige Jahrhunderte nach der Industrialisierung spielen sind hier Jahrtausende vergangen(und es spielt nicht auf der Erde). Die pagane Religion begeistert mich so halb. Es ist grundsätzlich erstmal ein Fortschritt, dass die Gottheiten nicht als Wesen beschrieben werden, die aktiv in die Geschicke der Menschen eingreifen. Gleichzeitig ist es halt immer noch eine Staatsreligion (auch wenn es so wirkt als müsste man nicht mitmachen) und das Menschenbild wird auch sehr klar: Menschen sollen grundsätzlich erstmal ein Dach über dem Kopf haben etc, aber auch arbeiten und ab und zu kleine schöne Dinge im Leben haben (sehr grob zusammengefasst). Da ist grundsätzlich erstmal nichts super falsch daran, aber es prägt gleichzeitig dieses Bild von einen Zweck (aka eine sinnvolle Arbeit) haben müssen. Und wie Helmling korrekt anmerkt, ein Leben muss keinen Zweck haben. Und ja eine Gesellschaft funktioniert nicht, wenn nicht sichergestellt ist, dass die Grundversorgung von allen sichergestellt ist. Aber muss das trotzdem so tief in die Grundphilosophie eingebacken sein, dass eine Telemönchin mehr oder weniger in einer Lebenskrise ist, weil they deren Zweck für sich selbst nicht findet? (Da wird Dex ja nicht die einzige Person sein).
Die Welt von a psalm for the wild built ist auf jeden Fall von den Büchern die wir bis jetzt gelesen haben (neben der aus pet) die in der ich am liebsten leben würde, wenn ich magisch in einer der Welten teleportiert werden müsste. Ich bin sehr gespannt auf Band zwei (und hoffe ein bisschen, dass er gewählt wird). Hab ihn auf jeden Fall schon auf der Bib ausgeliehen und erst ihn so oder so lesen:)










