Eine Rezension von Fleischhauers Buch “Du bist nicht allein: Das Mehrheitsparadox oder was passiert, wenn die Mitte der Gesellschaft das Gefühl hat am Rand zu stehen” in LTO zu publizieren, ist nicht selbstverständlich, weil weder das Werk ein dezidiert juristisches noch der Autor ein Jurist ist. Letzteres betrachtet er, wenn ich ihn recht verstehe, als intellektuellen Vorzug. Bescheidenheit ist nicht seine hervorstechendste Eigenschaft. Deshalb hat er etwa kein Problem damit, auf seinem "schwarzen Kanal" gerichtliche Entscheidungen zunächst falsch wiederzugeben und sodann als "krass rechtswidrig" zu schmähen, noch sich in seinem Buch umfangreich einem angeblichen behaupteten Versagen "der Justiz" zu widmen. Entsprechend leuchtet auch die grüne Lampe für LTO-Berichterstattung.

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Nach Fleischhauers Eindruck zeichnet sich die Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands dadurch aus, dass sie gern Helene Fischer hört und im Bierzelt schunkelt (S.10). Nun ja: Ab S. 14 erfahren wir, wie die Fleischhauers im teuren Pullach zuhause sind, und der eingangs genannten SZ-Homestory entnahmen wir, dass in der Einfahrt ein Bentley parkt (der vermutlich nicht der Putzfrau gehört). Dies und anderes legt die Vermutung nahe, dass der Autor selbst nicht auf Helene F.-Konzerten sein Feuerzeug schwenkt und im Bierzelt auch nicht unter den "acht Metzgern" aus Gerhard Polts Nummer "Oktoberfest" zu weilen pflegt. Andererseits: Seit Jahren klagt er darüber, aus einem "sozialdemokratischen" Haushalt zu stammen. Da hat man die Sehnsucht nach dem Aufgehobensein in der arbeitenden Mitte vielleicht einfach in den sozialen Genen. Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, Herr Fleischhauer tue insoweit genau das, was er der von ihm verachteten "Linken" unentwegt vorwirft: Für eine fiktive Mandantschaft zu sprechen, über welche er selbst sich faktisch und emotional erhebt (siehe Karl Eduard Schnitzler als "Avantgarde der Arbeiterklasse").

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Liebevoll ziselierte Ausführungen widmet Fleischhauer der causa Brosius-Gersdorf. Die Genannte missfällt ihm, soweit erkennbar, ebenso sehr wie seine allzeit präsenten Nachtmahre Habeck, Baerbock, "Links" und so weiter. Ob er jemals irgendetwas Wissenschaftliches von der zu seiner Freude gescheiterten Kandidatin gelesen hat, weiß ich nicht, wage es aber zu bezweifeln. Dies vereint ihn mutmaßlich mit der "Mehrheit", für welche er auftritt. Flughöhe der Argumentation aus Pullach: "Nicht ohne Grund saß sie in der Paragraf-218-Kommission der grünen Familienministerin Lisa Paus" (38). Am Rande erfahren wir noch, die Zahl der Abtreibungen in Deutschland betrage jährlich 200.000. Nun ja: Nach offizieller Statistik liegt die Zahl etwa halb so hoch (106.000; Quelle: Destatis).

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Das Kapitel endet mit der Diagnose "Freiheit ist ein Auslaufmodell" (42), und der bemerkenswerten Drohung "Manchmal reicht ein Funke, und es gibt kein Halten mehr" (43). Hier stellen wir uns Herrn Fleischhauer mit entblößter Brust und Wildleder-Slippern (siehe SZ 20.03.2026) auf der Pullacher Bentley-Barrikade vor. Das Leben ist immer wieder für eine marktgängige Überraschung gut.

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Auf S. 166 f. erfahren wir, dass der Stammtisch "einer der letzten verlässlichen Orte geselligen Beisammenseins" sei. Das mag zutreffen, führt aber gleichwohl ein wenig in die Irre, weil der Begriff in der (rechts)politischen Diskussion nicht als Synonym für fröhliche Geselligkeit, sondern für eine gewisse Schlichtheit der Argumentation und Meinungsbildung verwendet wird. Fleischhauer hätte gewiss keine Freude daran, wenn man ihn als Verbreiter von "Stammtischparolen" bezeichnen würde.

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Was in Fleischhauers "Analyse" aber gänzlich fehlt, ist eine "Relativierung" im Hinblick auf seine empirisch-normative "Mehrheit": Wie viele Schwachköpfe, Fanatikerinnen und schräg Sozialisierte befinden sich unter den "Blauer Bock"- und Helene-Fischer-Fans und den von Herrn F. angeblich vertretenen "normalen" Bier- und Weinzeltschunklern? Und warum?

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Eine Rezension, die wenig gute Haare am rezensierten Werk lässt, nennt man mit einem metaphorischen Begriff "Verriss". Ich habe mir, aus verschiedenen Gründen, ernsthaft überlegt, ob dieser Text ein solcher werden solle: Man muss ja als Rezensent auch misstrauisch mit den eigenen Emotionen und vor allem der eigenen Besserwisserei und Eitelkeit umgehen.

Im Ergebnis habe ich mich dafür entschieden, keine Kompromisse einzugehen. Herr Fleischhauer ist nicht dumm oder ungebildet. Seine eitle Perspektivenverengung entspringt, so mein Eindruck, nicht Unvermögen, sondern reflektiertem Wollen. Das ist schade und sollte daher auch benannt werden.

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[+] 1 point 1 month ago