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Für mich ist einer der gefährlichsten Sätze, die ein Mensch über sich selbst sagen kann:

„Ich bin ein guter Mensch.“

Warum? Weil dieser Satz scheinbar oft das Ende des Nachdenkens markiert, statt seinen Anfang.

Ich frage mich dann immer, was dieser Satz für diese Person eigentlich bedeutet. Wenn möglich, frage ich nach. Die Antworten, die ich im Laufe meines Lebens bekommen habe, haben schließlich zu diesem Text geführt.

Ein Ziel, kein Etikett

Ich glaube nicht, dass jeder Mensch das Ziel haben muss, gut zu sein.

Vielleicht möchte jemand ein großer Künstler werden, eine brillante Wissenschaftlerin, ein religiöser Einsiedler oder einfach ein ruhiges Leben führen. Das sind alles legitime Lebensziele. Keines davon setzt zwingend voraus, ein guter Mensch sein zu wollen.

Ich selbst habe mir dieses Ziel gesetzt. (siehe 174 GUT SEIN)

Gerade deshalb möchte ich mir das Urteil „Ich bin ein guter Mensch“ niemals selbst verleihen. Für mich ist Gutsein kein Zustand, sondern ein Weg. Ein Pfad, der sich mäandernd einem Ziel nähert ohne es je erreichen zu können. Vor allem aber etwas, das sich immer wieder der eigenen Prüfung stellen muss.

Woran messe ich Gutsein?

Allein der Vorsatz, gut sein zu wollen, macht mich noch nicht besser. Deshalb beginnt für mich alles mit Fragen.

Nach welchen Prinzipien lebe ich eigentlich?

Warum gerade nach diesen?

Sind sie gerecht?

Halte ich mich überhaupt an sie?

Und was geschieht mit anderen Menschen, wenn ich ihnen folge?

Ich kann hervorragende Prinzipien besitzen und trotzdem ständig gegen sie verstoßen.

Ich kann aber auch meinen Prinzipien konsequent folgen und irgendwann feststellen, dass genau diese Prinzipien ungerecht sind.

Beides sollte ich immer wieder überprüfen. Nicht einmal. Sondern ein Leben lang.

Jeder Mensch folgt einer Moral

Je länger ich in meinem Leben darüber nachdachte, desto weniger glaubte ich, dass Menschen ohne moralische Vorstellungen existieren. Jeder Mensch ist auf irgendeine Weise sozialisiert und geprägt. Das prägt unsere Vorstellungen davon, was richtig und falsch ist. Deshalb gehe ich zunächst einmal davon aus, dass jeder erwachsene Mensch irgendeine moralische Vorstellung hat. Ob ich diese für gut halte, ist eine ganz andere Frage. Ob er den eigenen Vorstellungen überhaupt folgt noch eine andere.

Aber ich kritisiere dann eine Moral und spreche dieser Person nicht eine so grundlegende menschliche Eigenheit ab. Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich vorsichtig werde, wenn Menschen die Welt zu schnell in „die Guten“ und „die Schlechten“ einteilen.

Gutsein geschieht zwischen Menschen

Noch dazu glaube ich nicht, dass Gutsein im Kopf stattfindet. Dort entstehen Prinzipien, Überzeugungen, Moral... Ob sie gut ist, zeigt sich aber erst zwischen Menschen. Man kann großartig über Ethik sprechen. Man kann wunderbare Prinzipien formulieren. Davon wird noch kein Mensch besser behandelt.

Gutsein zeigt sich erst dort, wo Menschen miteinander leben. Deshalb interessieren mich Menschen. Nicht aus bloßer Neugier. Sondern weil ich gar nicht wissen kann, ob ich gut handle, wenn ich mich nicht dafür interessiere, wie mein Handeln auf andere wirkt.

Warum denkt jemand so?

Warum hat er Angst?

Warum wird er wütend?

Warum erlebt er dieselbe Welt so völlig anders?

Warum wirken meine Worte und Handlungen auf ihn so anders als ich es gemeint hatte?

Nicht weil ich allem zustimmen möchte. Nicht weil ich jede Moral akzeptieren müsste. Sondern weil ich wissen möchte, ob mein eigenes Handeln den Menschen gerecht wird. Natürlich gibt es Situationen, in denen Widerspruch notwendig ist. Manchmal verletzen meine Worte. Manchmal müssen sie das sogar. Aber wenn Menschen, denen ich eigentlich guttun möchte, sich durch mein Verhalten immer wieder verletzt, übergangen oder nicht ernst genommen fühlen, dann wäre es seltsam, diese Rückmeldungen grundsätzlich zu ignorieren. Das bedeutet nicht, dass die anderen automatisch recht haben. Aber genauso wenig habe ich automatisch recht.

Selbstprüfung statt Selbstgewissheit

Mit der Zeit ist mir etwas aufgefallen. Es gibt Menschen, die versuchen, gut zu sein. Sie zweifeln. Sie prüfen sich. Sie scheitern. Sie lernen. Mit ihnen kann ich stundenlang reden.

Es gibt Menschen, die dieses Ziel gar nicht verfolgen. Auch das ist legitim.

Und dann gibt es Menschen, die einfach behaupten: „Ich bin gut.“ Oft ist das harmlos, wenn auch wenig zum Gespräch einladend.

Manchmal bleibt es aber nicht dabei. Dann wird daraus: „Ich bin gut, also sind die anderen schlecht.“ Genau dort werde ich unruhig. Denn plötzlich werden nicht mehr die eigenen Prinzipien geprüft. Sondern nur noch die anderen. Dabei halten sich die meisten Menschen für moralisch. Auch Menschen, deren Überzeugungen ich entschieden ablehne. Gerade das zeigt, die Überzeugung gut zu sein, schützt vor gar nichts. Sie kann sogar dazu führen, dass ich aufhöre, mich selbst zu hinterfragen.

Mein Maßstab

Ich werde wahrscheinlich niemals wissen, ob ich ein guter Mensch bin. Diese Entscheidung steht mir über mich selbst gar nicht zu. Ich kann nur immer wieder prüfen:

War ich heute meinen Prinzipien gerecht?

Sind diese Prinzipien noch gerecht?

War ich den Menschen gegenüber, denen ich guttun wollte, tatsächlich gut?

War ich heute fairer als gestern?

Mehr kann ich nicht tun.

Aber ich glaube, genau das ist der Weg, sich dem Ziel zu nähern, ein guter Mensch zu sein.

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Für mich ist einer der gefährlichsten Sätze, die ein Mensch über sich selbst sagen kann:

„Ich bin ein guter Mensch.“

Warum? Weil dieser Satz oft das Ende des Nachdenkens markiert, statt seinen Anfang. Ich frage mich dann immer, was dieser Satz für diese Person eigentlich bedeutet und wenn möglich versuche ich das dann herauszufinden. Die Antworten die ich im Laufe meines Lebens bekam, führten schließlich zu diesem Text. Aber erst mal der Reihe nach...

Ich glaube nämlich nicht, dass jeder Mensch das Ziel haben muss, gut zu sein. Vielleicht möchte jemand ein großer Künstler, eine kluge Wissenschaftlerin, oder ein religiöser Einsiedler sein, oder einfach ein ruhiges Leben führen. Alles legitime Lebensziele für die man nicht zwingend ein guter Mensch sein muss. Warum also ausgerechnet gut? Seit Jahrtausenden beschäftigen sich Religionen, Philosophen, Psychologen und gewöhnliche Menschen mit der Frage wie man ein guter Mensch ist. Wer glaubt, "gut sein" wie Hardware installiert zu haben, der unterschätzt die Sache womöglich ein wenig. Für mich ist es ein Ziel, ein Weg, hoffentlich eine Progression, vielleicht nie in Gänze erreichbar, aber vor allem etwas was sich immer wieder Prüfungen stellen können muss.

Wenn ich nun den Vorsatz verkünde gut sein zu wollen, dann ist damit erst mal noch kein Vorschritt auf der "Gut-sein-Skala" erreicht, meiner Meinung nach. Erst mit prüfenden Fragen beginnt es für mich: Nach welchen Prinzipien lebe ich eigentlich? Sind sie gerecht? Für mich, für mein Umfeld, für alle Menschen auf die ich treffe, für alle auf die ich Auswirkungen habe? Halte ich meine Prinzipien in der Regel ein? Wenn nein, warum nicht? Ich kann hervorragende Prinzipien besitzen und trotzdem ständig gegen sie verstoßen. Ich kann aber auch meinen Prinzipien perfekt folgen und feststellen, dass genau diese Prinzipien ungerecht sind. Beides sollte man meiner Ansicht nach immer wieder überprüfen. Nicht einmal, sondern immer mal wieder, ein Leben lang.

Ich glaube nicht, dass Gutsein im Kopf stattfindet. Es findet zwischen Menschen statt. Man kann über Ethik und Moral in wunderbarsten Worten nachdenken können. Davon wird kein einziger Mensch besser behandelt. Gutsein beginnt erst dort, wo Menschen im Miteinander gut zueinander sind.

Deshalb frage ich Menschen, die sich als gut erklären immer Sachen die mir beantworten wie sehr sie sich für andere Menschen interessieren. Interessiert sie, warum Leute denken, wie sie denken? Warum sie wütend werden? Warum sie lachen? Warum sie Angst haben? Warum sie dieselbe Welt völlig anders erleben als man selbst? Denn wenn all das überhaupt nicht interessiert, frage ich mich, wie erreicht werden soll, dass man gut zu anderen ist.

Meine Prinzipien ändern sich übrigens selten. Ich suche mir Menschen, deren Werte mit meinen grundsätzlich vereinbar sind. Nicht identisch. Aber kompatibel. Ich möchte die Prinzipien von anderen verstehen um ihnen zumindest nicht zu schaden und im besten Fall gut zu tun. Vielleicht liegt genau hier ein Missverständnis. Viele glauben anscheinend, Gutsein bedeute, immer nachzugeben. Das glaube ich nicht. Manchmal bedeutet Gutsein, bei den eigenen Überzeugungen zu bleiben. Manchmal bedeutet es sogar, einem anderen entschieden zu widersprechen. Aber auch dann interessiert mich noch immer, warum der andere so denkt. Nicht weil ich überzeugt werden möchte. Sondern weil ich ihn verstehen möchte, weil jeder Mensch ein Mensch ist mit dem Recht auf die eigene moralische Einstellung.

Mit der Zeit ist mir noch etwas aufgefallen. Es gibt Menschen, die versuchen, gut zu sein. Sie zweifeln. Sie prüfen sich. Sie scheitern. Sie lernen. Und sie beginnen wieder von vorn. Mit denen kann ich stundenlang reden. Dann gibt es Menschen, die dieses Ziel gar nicht verfolgen. Auch das kann in Ordnung sein. Und dann gibt es Menschen, die einfach ohne Erklärung oder Überbau behaupten: „Ich bin gut.“ Oft ist das harmlos, auch wenn das selten Leute sind, die ich mir als Freunde suche. Manchmal wird daraus aber etwas anderes. Dann wird aus dem Satz „Ich bin gut.“ plötzlich „...also sind die anderen schlecht.“ Genau dort werde ich unruhig. Denn in diesem Moment hört die Selbstprüfung auf. Ab jetzt werden nur noch die anderen geprüft.

Mich faszinieren Menschen. Nicht weil sie perfekt wären. Sondern weil jeder Mensch eine Welt ist. Eine Sammlung von Hoffnungen, Ängsten, Irrtümern und Erfahrungen. Ich werde niemals auch nur einen Menschen wirklich verstehen. Nicht einmal die Menschen, die ich liebe. Ob man ein guter Mensch ist, ist vielleicht nicht die wichtige Frage, sondern:

War ich meinen Mitmenschen gegenüber heute fairer als gestern?

Und vielleicht ist das alles, was man vernünftigerweise hoffen darf.

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Ich benutze in diesem Text ein generisches Femininum und meine alle Geschlechter damit, englischsprachige Bezeichnungen bleiben im Original.

Wie kann man nur Schimmelkäse mögen?

Oder Sauerkraut?

Oder Heavy Metal?

Oder Tattoos?

Oder Piercings?

Oder grüne Haare?

Fragen dieser Art höre ich dauernd, an mich, aber auch an andere gerichtet.

"Wie kann man nur ... mögen?"

Ich finde diese Frage inzwischen seltsam. Nicht, weil man sie nicht stellen dürfte. Sondern weil sie so tut, als gäbe es darauf eine allgemeingültige Antwort. Frag zehn tätowierte Leute, warum sie Tattoos mögen. Du bekommst möglicherweise zehn verschiedene Antworten. Also...

Wie kann man nun Tattoos schön finden?

Keine Ahnung!

Frag den einen Menschen mit Tattoos den du vor dir hast.

Wenn du wissen willst, warum eine Person etwas macht, frag höflich diesen Menschen.

Ich glaube nämlich, dass wir viel zu oft über Gruppen reden und viel zu selten mit den einzelnen Leuten. Da sitzt plötzlich "die Motorradfahrerin", "die Borderlinerin", "die Christin", "die Linke", "der Gamer", "die Rentnerin"... Nein!

Vor dir sitzt ein Mensch. Das hört übrigens nie auf. Nicht bei politischen Meinungen. Nicht bei Religion. Nicht bei Diagnosen. Nicht bei Nationalitäten. Nicht bei Geschlecht. Nicht bei irgendetwas.

Jeder Mensch ist ein Mensch.

Und genau deshalb wird es jetzt unbequem. Denn dieser Satz hört auch dann nicht auf, wenn jemand etwas Schreckliches tut.

Ich lese dann oft:

"Das ist kein Mensch."

"Das ist ein Monster."

"Das ist kein richtiger Mann."

Ich verstehe, warum Menschen das sagen. Sie wollen die Tat verurteilen. Das möchte ich auch. Aber ich glaube, wir tun dabei noch etwas anderes, wenn wir entmenschlichen oder aus unserer Gruppe ausschließen: Wir schützen uns selbst.

Denn wenn das ein Monster war...

...dann war es kein Mensch.

Wenn das kein richtiger Mann war...

...dann haben richtige Männer mit so etwas nichts zu tun.

Das fühlt sich angenehm an. Plötzlich ist die eigene Gruppe sauber. Und man selbst gleich mit. Ich glaube nur nicht, dass das stimmt. Es war ein Mensch. Eine Person, die Verantwortung trägt. Und genau deshalb möchte ich diesen Menschen auch Mensch nennen. Nicht, weil ich sie entschuldigen möchte. Sondern weil Verantwortung nur bei Menschen Sinn ergibt. Ein Monster kann gar nichts dafür. Ein Mensch schon. Deshalb kann ein Mensch angeklagt werden. Deshalb kann ein Mensch verurteilt werden. Deshalb kann ein Mensch gesellschaftlich geächtet werden. Weil ein Mensch verantwortlich ist.

Ich glaube sogar, dass darin eine Gefahr liegt.

Denn wenn ich zum Beispiel sage: "Wer so etwas tut, ist kein richtiger Mann." und dann davon ausgehe das ich und/oder meine nahen Leute natürlich richtige Männer sind, dann behaupte ich: "In meiner Gruppe kann so etwas gar nicht passieren." Das klingt beruhigend. Aber es macht mich blind. Denn die Tat ist bereits der Beweis dafür, dass ein Mensch dazu fähig war. Wenn ich sie aus meiner Vorstellung von "uns" entferne, verliere ich auch die Fähigkeit, die eigenen Abgründe zu erkennen. Nicht, weil ich glaube, dass ich so etwas morgen tun werde. Sondern weil ich aufhöre, wachsam gegenüber dem Menschen zu sein. Auch dem Menschen in mir.

Eigentlich geht es in diesem Text aber gar nicht um Täterinnen. Es geht um dich. Und um mich. Ich möchte ein guter Mensch sein. Nicht nur behaupten, einer zu sein. Ich glaube nämlich nicht, dass man einmal beschließt: "Ich bin gut." Und dann ist das für immer erledigt. Ich glaube, Menschlichkeit ist immer ein Pfad von dem man auch abkommen kann. Zum Beispiel dann, wenn ich versucht bin zu sagen: "Die sind doch alle..." Oder: "So einer eben." Oder: "Das ist ein Monster." Denn genau in diesen Momenten verliere ich meiner Ansicht nach ein kleines Stück von dem, was ich eigentlich sein möchte. Nicht, weil ich plötzlich ein Verbrecher werde. Sondern weil ich beginne, Menschen aus der Menschheit herauszunehmen. Und das verändert sie ja nicht. Sondern mich.

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Die ersten beiden Texte haben bei mir mehr neue Fragen ausgelöst als beantwortet.

Text 1

Text 2

Vor allem eine: Was denkst du eigentlich spontan, wenn jemand zu dir sagt „Ich bin trockener Alkoholiker.“?

Vielleicht ist es das wert, mal einen Moment darüber nachzudenken.

Je länger ich mich mit den Antworten auf Text 1 beschäftigt habe, desto mehr hatte ich den Eindruck, dass wir vielleicht gar nicht alle über dasselbe sprechen.

Ich sage:

„Ich bin trockener Alkoholiker.“

Durch die Antworten scheint sich aber herauszukristallisieren, dass viele eher eine moralische Überlegenheit meinerseits hören, etwa so:

„Ich bin freiwillig abstinent, weil ich viel Willenskraft habe.“

Vielleicht liegt genau dort ein Teil des Missverständnisses. Deshalb habe ich angefangen, mit Gedankenexperimenten zu spielen. Nicht, weil Alkoholismus dasselbe wäre wie Diabetes, Zöliakie, Veganismus oder Allergien. Sondern weil Vergleiche manchmal helfen, Kommunikation besser zu verstehen.

Gedankenexperiment 1: Zöliakie

Stell dir vor, jemand sagt:

„Ich habe Zöliakie.“

Würdest du antworten:

„Ich esse übrigens auch nur selten Brot.“

Oder würdest du eher sagen:

„Gut zu wissen. Dann achte ich darauf.“

Ich vermute Letzteres.

Gedankenexperiment 2: Eine Allergie

Jemand sagt:

„Ich habe eine schwere Erdnussallergie.“

Würdest du erzählen, wie gerne du Erdnüsse isst?

Oder würdest du einfach darauf achten, dass keine Erdnüsse im Essen sind?

Auch hier dürfte die Antwort für die meisten ziemlich eindeutig sein.

Gedankenexperiment 3: Typ-2-Diabetes

Dieses Gedankenexperiment beschäftigt mich am meisten.

Stell dir vor, jemand sagt:

„Ich habe Typ-2-Diabetes.“

Würdest du antworten:

„Ich vertrage Zucker hervorragend.“

Wahrscheinlich nicht.

Du würdest vermutlich eher fragen:

„Gibt es etwas, worauf ich achten sollte?“

Oder einfach denken:

„Das tut mir leid.“

Dabei darf ein Mensch mit Typ-2-Diabetes durchaus stolz darauf sein, wie gut er heute mit seiner Krankheit umgeht. Das bedeutet aber nicht, dass er froh darüber ist, sie bekommen zu haben. Genau so empfinde ich meine Trockenheit. Ich bin stolz darauf, seit zwölf Jahren trocken zu sein. Aber hätte ich kontrolliert trinken können, hätte ich nie aufgehört.

Ich wäre lieber nie alkoholkrank geworden.

Gedankenexperiment 4: Veganismus

Hier wurde es für mich plötzlich komplizierter. Denn hier habe ich mich selbst ertappt. Wenn mir jemand erzählt, dass er Vegetarier oder Veganer ist, neige ich manchmal dazu zu erzählen, dass ich selbst nur wenig Fleisch esse.

Warum? Vielleicht, weil ich Gemeinsamkeit herstellen möchte. Vielleicht, weil ich sympathisch wirken möchte. Vielleicht sogar ein kleines bisschen, weil ich ein schlechtes Gewissen habe und mich rechtfertigen will. Das war für mich eine der spannendsten Erkenntnisse aus den Diskussionen.

Ich benutze selbst manchmal genau das Gesprächsmuster, das mich beim Thema Alkohol seit Jahren beschäftigt. Trotzdem sehe ich einen Unterschied. Verzicht aus ethischen oder ökologischen Gründen ist eine freiwillige Entscheidung. Trockenheit aufgrund einer Suchterkrankung empfinde ich anders.

Für mich hat ein trockener Alkoholiker mehr gemeinsam mit einem Menschen, der gelernt hat, mit einer chronischen Krankheit zu leben, als mit jemandem, der Alkohol einfach nicht mag oder freiwillig auf ihn verzichtet.

Eine neue Vermutung

Während der Diskussion ist mir noch eine weitere Frage gekommen.

Haben wir Alkoholismus gesellschaftlich wirklich als Krankheit verinnerlicht?

Oder verstehen wir ihn unbewusst doch eher als eine Frage der Willenskraft?

Vielleicht sehen wir Trockenheit deshalb eher als Tugend denn als Therapie.

Vielleicht erklärt genau das, warum manche Menschen Trockenheit eher wie Veganismus wahrnehmen als wie den Umgang mit einer chronischen Erkrankung. Ich weiß es nicht. Aber ich finde diese Frage inzwischen fast spannender als meine ursprüngliche.

Vielleicht könnt ihr mir dabei helfen.

Welches Gedankenexperiment würdet ihr wählen, um Alkoholismus besser verständlich zu machen?

Und noch eine letzte Frage:

Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, was die Trockenheit eines Alkoholikers von freiwilliger Abstinenz unterscheidet?

Zum Schluss möchte ich noch einen Gedanken dalassen, bei dem mir erst durch eure Antworten klar geworden ist, dass er für viele offenbar gar nicht so naheliegend ist:

Trockenheit ist für mich weder ein Zeichen besonderer Willenskraft noch moralischer Überlegenheit. Sie ist der Therapieerfolg einer chronischen Suchterkrankung. Und ich wünsche jedem Menschen, dass er diese Therapie niemals brauchen wird.

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Vor einigen Tagen habe ich einen Text auf vielen Plattformen veröffentlicht, in dem ich eine Frage stelle, die mich seit Jahren umtreibt:

Warum erzählen mir so viele Menschen nach dem Satz “Ich bin trockener Alkoholiker.” ihren eigenen Alkoholkonsum?

Den ersten Text (auf feddit) verlinke ich hier: https://feddit.org/post/32247996

Erst einmal danke für die Antworten. Auch wenn über alle Plattformen verteilt erstaunlich wenige Menschen geschrieben haben: “Ja, das mache ich selbst und deshalb.”, wurden in den Kommentaren verschiedene mögliche Motive genannt oder vermutet.

Im Wesentlichen lassen sie sich in drei Gruppen einteilen.

1. Selbstbezogene Motive

Einige vermuteten, dass Menschen sich rechtfertigen möchten. Vielleicht geht es um kognitive Dissonanz. Vielleicht um ein schlechtes Gewissen. Vielleicht darum, das eigene Selbstbild zu stabilisieren.

Falls so etwas tatsächlich der Grund sein sollte, möchte ich euch sagen:

Vor mir braucht ihr euch nicht zu rechtfertigen.

Mit dem Satz „Ich bin trockener Alkoholiker.“ sage ich gar nichts über euch. Wenn wir uns gar nicht kennen, interessiert mich euer Alkoholkonsum ehrlich gesagt überhaupt nicht. Und wenn wir uns kennen, schätze ich euch als selbstständige Menschen zu sehr, um ungefragt über euren Alkoholkonsum zu urteilen.

Mit meinem Satz wollte ich eigentlich nur sagen:

„Ich bin trockener Alkoholiker.“ und ohne es auszusprechen vor allem: Bitte biete mir keinen Alkohol an.

2. Beziehungsbezogene Motive

Andere vermuteten, dass Menschen Gemeinsamkeit herstellen oder Mitgefühl ausdrücken möchten. Das finde ich einen interessanten Gedanken.

Tatsächlich ist mir durch die Kommentare aufgefallen, dass ich selbst etwas Ähnliches schon gemacht habe. Wenn mir jemand erzählt, dass er Vegetarier oder Veganer ist, neige ich manchmal dazu zu sagen, dass ich selbst nur wenig Fleisch esse. Teilweise vielleicht, weil ich mich rechtfertigen möchte. Aber hauptsächlich, weil ich sympathisch wirken und zeigen möchte:

“Wir sind uns vielleicht gar nicht so unähnlich.”

Ich bin also selbst ein Beweis, dass so etwas vorkommen kann. Trotzdem glaube ich, dass sich diese Ziele viel klarer ausdrücken lassen. Wenn ihr Mitgefühl ausdrücken möchtet:

“Hut ab. Das stelle ich mir schwer vor.”

“Wie lange bist du schon trocken?”

“Wie schaffst du das im Alltag?”

Wenn ihr Gemeinsamkeit ausdrücken möchtet:

“Ich freue mich immer, wenn noch jemand nüchtern auf einer Party bleibt.”

Oder wenn ihr eher Richtung Flirting/Kontaktaufbau möchtet:

“Mit mir kannst du problemlos etwas ohne Alkohol unternehmen.”

Oder ganz einfach:

“Ich werde dir keinen Alkohol anbieten.”

3. Situationsbezogene Motive

Vielleicht wissen manche Menschen auch einfach nicht, was sie sagen sollen. Das ist völlig in Ordnung. Dann sagt etwas Banales:

“Werde ich mir merken.”

“Danke, dass du mir das gesagt hast.”

“Okay, ich werde dir keinen Alkohol anbieten.”

Mehr braucht es gar nicht in der Situation.

Warum mich das überhaupt beschäftigt

Mir war vorher durch eine sehr ehrliche Antwort eines vertrauten Menschen schon klar, dass diese Aussage, nicht immer nur rechtfertigend oder abwertend gemeint ist. Aber bei mir kommt häufig etwas ganz anderes an.

Wenn ich sage:

“Ich bin trockener Alkoholiker.”

und als erste Reaktion höre:

“Ich trinke übrigens nur zwei Bier in der Woche.”

Dann hört sich das an als würde der andere zu mir sagen:

“Du bist an etwas gescheitert, was für mich gar kein Problem ist.”

Ich glaube nicht mehr, dass das in den meisten Fällen so gemeint ist.

Gerade wenn ihr das nicht so meint, hilft dieser Gedanke dem einen oder der anderen, beim nächsten Mal einen kurzen Moment innezuhalten. Nicht, um nichts mehr zu sagen. Sondern um sich zu fragen:

“Was möchte ich eigentlich gerade ausdrücken?”

Denn Mitgefühl, Interesse, Gemeinsamkeit oder Rücksicht lassen sich oft viel klarer ausdrücken, ohne den eigenen Alkoholkonsum überhaupt erwähnen zu müssen.

Und falls ihr euch fragt, welche Antwort mich persönlich am meisten freuen würde:

“Danke, dass du so offen bist. Ich werde dir keinen Alkohol anbieten.”

Wenn mehr Menschen auf Outings von trockenen Alkoholikern so reagieren würden, hätte meine kleine Selbstoffenbarung genau das erreicht, wofür sie gedacht war.

P.S.: Im ersten Text hatte ich es erwähnt, aber weil es wichtig ist, hier noch mal… wenn ihr selbst Angst habt problematisch zu trinken und das Gefühl habt mit dem Menschen vor euch reden zu können… dann redet drauf los, fragt drauf los, ob der andere nun Gold oder Müll antwortet ist zweitrangig. Entscheidend ist, es überhaupt einmal vor einem anderen Menschen laut auszusprechen.

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Warum erzählst du mir das?

Seit Jahren beschäftigt mich eine Frage.

Bevor ich sie stelle, möchte ich ein bisschen was klarstellen.

Niemand muss sich wegen dieses Textes schuldig fühlen.

Nicht der trockene Alkoholiker.

Nicht der nasse Alkoholiker.

Nicht der Mensch mit problematischem Alkoholkonsum.

Nicht der Partysäufer.

Nicht der Gelegenheits- oder Wenigtrinker.

Nicht der Abstinenzler.

Wenn ich sage: „Ich bin trockener Alkoholiker.“, dann sage ich nichts über dich.

Ich sage nicht, dass du zu viel trinkst.

Ich sage nicht, dass du abstinent leben solltest.

Ich sage nur etwas über mich: "Ich habe eine Alkoholsucht. Deshalb lebe ich abstinent."

Die einzige Information, die für dich unmittelbar relevant ist, lautet eigentlich nur: „Bitte biete mir keinen Alkohol an.“

Ich verspreche übrigens: Ich werde keine Antwort auf meine Frage verurteilen. Ich möchte die Antworten verstehen.

Damit allerdings kein Missverständnis entsteht: Es gibt Menschen, an die sich meine Frage ausdrücklich NICHT richtet:

Wenn du Angst hast, dass dein Alkoholkonsum problematisch geworden sein könnte, dann erzähl, was du erzählen möchtest. Frag, was du fragen möchtest.

Ob bei mir oder bei irgendeinem anderen trockenen Alkoholiker.

Nicht, weil wir automatisch die richtigen Antworten hätten.

Sondern weil das Aussprechen dieser Sorge vor einem anderen Menschen manchmal wichtiger ist als jede Antwort, die du darauf bekommst.

Meine Frage richtet sich an alle anderen:

Wenn ich erzähle, dass ich trockener Alkoholiker bin, höre ich erstaunlich oft Sätze wie:

„Ich trinke ja nur drei- oder viermal im Jahr.“

„Ich trinke höchstens mal ein Bier.“

„Alle paar Wochen mal ein Glas Wein.“

„Ich trinke eigentlich fast nie.“

Und jedes Mal frage ich mich:

Warum erzählt ihr mir das?

Ich meine das wirklich als Frage.

Ich suche keine Bestätigung.

Ich suche keine Diskussion darüber, ob Alkohol gut oder schlecht ist.

Ich möchte einfach verstehen, warum so viele Menschen auf meinen Satz „Ich bin trockener Alkoholiker.“ mit einer Beschreibung ihres eigenen Alkoholkonsums reagieren.

Falls du das selbst schon einmal gemacht hast:

Warum?

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Text vom 11.11.2025

Kennt ihr HOLY? Wenn ihr jetzt nein sagt, habt ihr entweder gerade vergessen, wovon ich rede, oder ihr seid einfach nie auf YouTube, TikTok oder Instagram unterwegs gewesen. Ihr wart nie da, wo im deutschen Internet gestreamt, geredet, verkauft und gesegnet wird. Ist okay. Dann erkläre ich es kurz.

HOLY ist kein Sponsor. HOLY ist DER Sponsor. HOLY ist kein Influencer-Marketing. HOLY ist DAS Influencer-Marketing.

Es gibt natürlich andere, aber sie sind irrelevant. Das entscheidende Kriterium, ob du in Deutschland Influencer bist oder nicht, ist heute die HOLY-Anfrage. Ob du ja oder nein sagst, spielt keine Rolle. Du wirst schon Gründe haben, dich dagegen zu entscheiden und du wirst sie uns mitteilen. Wenn du ja sagst, erfahren wir es sowieso. Du machst dann Werbung. Für HOLY.

Und das bockt niemanden mehr. Wir sind das gewohnt. Jeder hat einen Code für HOLY. Jeder Influencer, der auf jemanden reagiert, sagt: „Ihr könnt ja auch bei ihr*ihm kaufen, aber mein Code bringt natürlich genauso viel.“ Alle finden HOLY gut, weil alle Geld von HOLY bekommen. Eine komplette Szene, gesponsert von einem einzigen Geldgeber. Und das ist schräg, da fühlt sich nach etwas an, was ich kritisieren wollen würde.

Dabei ist das Produkt nicht mal besonders kritikwürdig. Es ist Pulver zum Anrühren von Getränken, wie früher Quench, wie Krümeltee. Nur ohne Zucker, dafür mit Süßstoff. Teilweis mit Koffein. Es gibt sicher gesünderes, aber es ist nicht wirklich gefährlich. Die Firma ist nicht Nestlé, kein Skandal, keine Politik. Sei will einfach überteuertes Lebensmittel verkaufen, wie Millionen andere. Wer kann das nicht bewerben? Jeder trinkt. Das macht es so einfach.

Und ehrlich gesagt, ich glaube vielen Influencern, dass sie es wirklich trinken. Warum nicht? Wenn du es eh im Haus hast und es nicht schrecklich schmeckt, trinkst du es halt. Der Mensch ist pragmatisch, wenn die Limo leer ist und der Supermarkt weit, das hängt nicht vom Einkommen ab. Es ist kein Wunder, dass es sogar authentisch wirkt. Und irgendwann - das ist das Schönste daran - wird jemand anfangen, diese Ära zu benennen. Irgendjemand wird sie die HOLY-Phase nennen. Er wird sagen: „Das war die Phase des deutschen Internets, die man die Holy-Phase nennt.“ Und dann wird die Person erklären, warum. Weil alle dabei waren. Weil es jeder gesehen hat. Weil jeder ein Stück HOLY in seiner Timeline hatte.

Genau so wird man einmal über HOLY sprechen. „Die Holy-Phase, das war der Anfang vom Rest. Danach wurde es nur noch schlimmer.“

Und wie jeder Mensch, der ein bisschen nerdig drauf ist und sich gern im digitalen Strom bewegt, liebe ich dieses Gefühl, dabei gewesen zu sein. Wir Menschen sind seltsam: Wir ertragen das Schreckliche, aber wir genießen das Erinnern. Wir waren da, als WIZO uns dazu brachte laut und (fast) nur aus Spaß den Papst zu kritisieren. Wir wissen noch, wie das Ackermann-Victory-Zeichen aussah und was es in uns auslöste (bei manchen mehr WIZO-hören und ähnliche Phänomene).

Niemand wollte den 11.September 2001 in der Timeline – aber wir wissen, das dieser Tag unsere persönliche Welt auch in „davor“ und „danach“ teilte.

Und wenn es etwas Popkulturelles ist, etwas Harmloses, etwas, das nur Nerven kostet, aber kein Leben, dann feiern wir es. Dann sind wir gerne Zeitzeugen. Der Jamba-Frosch war so etwas. Wenn ihr wisst, was der Jamba-Frosch war, dann wart ihr dabei. Ihr habt es miterlebt. Es war nervig, absurd, kapitalistisch und ihr seid stolz darauf, das sagen zu können.

Wir haben die Era-Ära erlebt und "Ameno" gehört, das ebenfalls für gar nichts stand.

Aber gruselig ist, wie allgemeingültig es geworden ist. HOLY ist mehr als eine Marke. HOLY ist die Weihe. Die Heiligsprechung des Influencers selbst. Wer von HOLY gefragt wird, wird geweiht. Heilig gesprochen vom Gott HOLY, der sich selbst heilig nennt und weiß das er für nichts steht.

HOLYtastisch – ich weihe euch mit nichts, zu nichts und jeder weiß es ist nicht blasphemisch sondern auf kaptitalistisch-ironische Art… einfach nur wahr.

Mein Ironiedetektor spielt verrückt. Diese postironischen Schleifen, in denen wir alles überhöhen und dann wieder brechen, bis es am Ende echt wird, das ist grauenhaft und herrlich zugleich. Und ich weiß, irgendwann werde ich es tun. Irgendwann werde ich aus Ironie bestellen. HOLY, macht noch ein paar Jahre weiter, und ich werde euer Kunde sein. Ich schwöre es. Ich werde Pulver bestellen, ich werde es anrühren, ich werde es trinken. Vielleicht widerlich finden, vielleicht gut. Vielleicht nochmal bestellen. Vielleicht sterbe ich an einem Koffeinschock. Vielleicht stellt sich raus ich bin allergisch. Vielleicht seit ihr erwartungsgemäß absolut mittelmäßig.

Was auch immer passiert, es wird passieren. HOLY, haltet aus. Noch ein paar Jahre. Dann werdet ihr mich haben.

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Blitzlicht: Endlich Dangast

Dieses Blitzlicht möchte ich der Betreiberin eines kleinen Second-Hand-Ladens in Wilhelmshaven widmen. Als ich noch ganz neu hier war, hat sie mich unglaublich freundlich empfangen und sich viel Zeit genommen, mir Tipps für die Umgebung zu geben. Einer dieser Tipps war Dangast. Mit einem Satz machte sie mich neugierig: "Fahr am Wochenende hin. Dann gibt es dort den besten Rhabarberkuchen der Welt."

Von diesem Moment an wollte ich nach Dangast.

Wochenlang kam immer etwas dazwischen, erst mein eigener Umzug, dann der Besuch auf Wangerooge, dann der Kurztrip nach Hamburg, dann war das Wetter schlecht, dann wieder viel zu heiß, an einem Wochenende war ich bei meiner Familie in Franken, Ende Mai lernte ich dann den wunderbaren Herrn Schmitt kennen, der allerdings mitten im Umzug steckte. Zwischen Verliebtheit, Umzugswahnsinn und all den anderen Plänen rückte Dangast immer weiter nach hinten.

Am 21. Juni war es dann endlich so weit.

Dangast ist wirklich ein wunderschöner Ort. Die kleinen Häuser liegen teilweise zwischen den Bäumen, der Strand ist malerisch und von der Promenade aus blickt man über die Jadebucht bis nach Wilhelmshaven. Überall entdeckt man Kunstwerke, kleine Details und liebevoll gestaltete Ecken.

Wegen der Einschränkung aufs Wochenende war allerdings auch viel los. Ein Kunsthandwerkermarkt lockt dann zusätzlich Besucher an. Gleichzeitig nutzten wir die Gelegenheit, uns schon einmal verschiedene Hotels anzusehen. Meine Mutter überlegt nämlich, irgendwann einmal ein paar Tage dort zu verbringen. Einige der Unterkünfte machten tatsächlich einen guten Eindruck. Zwischendurch kehrten wir in der „Pricke“ ein. Dort gab es dann Kibbelinge und eine Rhabarberlimonade. Allein dafür hätte sich die Fahrt schon fast gelohnt.

Aber natürlich wartete noch der eigentliche Höhepunkt.

TROMMELWIRBEL!

Im Kurhaus bestellten wir den berühmten Rhabarberkuchen. Und ich muss zugeben: Die Dame aus dem Second-Hand-Laden hatte nicht übertrieben. Es war tatsächlich der beste Rhabarberkuchen, den ich je gegessen habe. Unten ein angenehm luftiger Boden, darüber der wunderbar saure Rhabarber und als Krönung eine fluffig-knusprig-süße Baiserschicht. Jede einzelne Komponente passte perfekt zu den anderen. Einer dieser seltenen Momente, in denen man versteht, warum ein Kuchen regelrecht berühmt geworden ist.

So schön Dangast auch ist, eine Erkenntnis blieb trotzdem: Für mich persönlich ist dort an einem sonnigen Wochenende einfach zu viel los. Es war warm, aber durch die vielen Bäume angenehm schattig, also eigentlich ideale Bedingungen für einen Ausflug. Genau deshalb schien aber auch halb Norddeutschland dieselbe Idee gehabt zu haben. Das ist super für den Ort und die Läden dort, mir persönlich war die Menschenmenge jedoch etwas zu viel.

Was mir dieser Tag außerdem noch einmal gezeigt hat, war etwas ganz anderes.

Mit meinem Herrn Schmitt unterwegs zu sein fühlt sich einfach selbstverständlich an. Wir funktionieren als Team. Man kann sich aufeinander verlassen, ergänzt sich gut und selbst ein voller Ausflugstag macht gemeinsam Spaß. Das ist etwas sehr viel Besseres, als es sich anhört, denn eigentlich bin ich überhaupt kein Teamplayer.

Dangast wird mich wiedersehen. Der Rhabarberkuchen ist ein Bufffood, für das sich jeder Raid lohnt. Mein Teammate und ich meistern jeden Zerg. (Für Nicht-Gamer: Der Kuchen gibt Bonuspunkte für die Moral. Gemeinsam kommen wir auch durch die größte Menschenmenge.)

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Vapes - Déjà-vu eines Rauchers

Ich verwende ein generisches Femininum und meine damit alle Geschlechter.

Als ich heute wieder ein Video über Vapes gesehen habe, musste ich an eine Zeit zurückdenken, in der ich selbst begeistert gedampft habe. Bevor ich damals mit dem Dampfen angefangen habe, war ich ungefähr 30 Jahre lang Raucher.

Doch als die ersten E-Zigaretten aufkamen, war das eine völlig andere Welt als die heutigen Einweg-Vapes. Wir hatten Metall-Akkuträger und abschraubbare Verdampfer, haben selbst Wicklungen gebaut, Watte eingezogen, Liquids gemischt und über die Technik diskutiert. Das Ganze war fast schon ein Nerd-Hobby.

Quasi alle Dampferinnen, die ich damals kannte, waren vorher Raucherinnen und wollten meist von der Zigarette weg. Manche wegen ihrer Gesundheit, manche wegen ihrer Familie, manche wegen des Geldes, manche wegen des Geruchs und viele einfach, weil sie hofften, eine weniger schädliche Alternative gefunden zu haben, ohne auf Nikotin verzichten zu müssen.

Ich halte diesen Gedanken der Schadensminimierung bis heute für grundsätzlich richtig. Wenn jemand seit Jahrzehnten raucht und den Ausstieg nicht schafft, dann erscheint es mir vernünftig, auf eine Form des Nikotinkonsums umzusteigen, die nach heutigem Kenntnisstand wahrscheinlich weniger schadet als das Verbrennen von Tabak. Weniger schädlich bedeutet nicht harmlos, aber es kann für langjährige Raucherinnen trotzdem ein sinnvoller Schritt sein.

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Dampferwelt änderten sich, vieles wurde komplizierter und für mich verlor das Thema seinen Reiz. Ich bin leider damals zurück zur Zigarette und rauchte noch einige Jahre weiter. Erst deutlich später gelang mir der endgültige Ausstieg. Nicht in erster Linie aus Angst vor Krankheit, sondern weil ich irgendwann nicht mehr von einer Sucht bestimmt werden wollte.

Wenn ich heute auf das Thema schaue, beschäftigt mich allerdings etwas ganz anderes.

Ich bin 1982 geboren. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Zigaretten nicht einfach nur verkauft wurden. Sie wurden erzählt. Aus meiner Sicht wurden Zigaretten als Freiheit inszeniert, als Rebellion, als Feminismus, als Individualität, als Coolness, als Erwachsensein. Bei uns in der Clique rauchten viele Gauloises. Wir haben uns gegenseitig erzählt, das seien die Zigaretten der französischen Freiheitskämpfer. Ob das historisch nun völlig korrekt war oder nicht, spielte keine Rolle. Entscheidend war das Bild, das dadurch entstand.

Man fängt nicht an zu rauchen, weil man nikotinabhängig ist. Man wird erst abhängig.

Man rauchte, weil andere rauchten. Oder weil andere gerade nicht rauchten. Man wollte dazugehören. Oder sich bewusst absetzen. Man wollte erwachsen wirken, rebellisch sein oder einfach Teil einer Gruppe sein.

Jugendliche sind nicht dumm. Aber sie befinden sich in einer Lebensphase, in der die Frage "Wie sehen mich andere?" eine enorme Bedeutung hat. Das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Man probiert Identitäten aus, sucht seinen Platz und orientiert sich an Menschen, die man bewundert.

Genau deshalb ertappe ich mich dabei, dass ich bei manchen Inhalten rund um Vapes ein ähnliches Gefühl bekomme wie früher bei der Zigarettenwerbung. Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht nehme ich das auch nur deshalb so wahr, weil ich mit genau diesen Bildern groß geworden bin.

Aber dieses Gefühl werde ich nicht los, dass wir gerade erleben, wie sich dieselben Mechanismen in einer neuen Form wiederholen. Kann es sein, dass wieder ein potentiell suchterzeugendes Produkt als cool und hip präsentiert wird?

Ich finde, genau darüber sollten wir sprechen. Hinzu kommt, dass ich der Tabakindustrie grundsätzlich mit einer gewissen Skepsis begegne. Nicht wegen irgendwelcher Verschwörungserzählungen, sondern wegen ihrer gut dokumentierten Geschichte. Über Jahrzehnte wurden Gesundheitsrisiken heruntergespielt, wissenschaftliche Erkenntnisse bestritten oder verzögert anerkannt. Dieses historische Erbe verschwindet nicht einfach. Und genau diese Tabakindustrie ist am Geschäft mit den Vapes stark beteiligt.

Mich würde deshalb interessieren, wie Menschen unterschiedlicher Generationen das sehen.

Wer wie ich mit der klassischen Zigarettenwerbung groß geworden ist: Empfindet ihr es auch als Déjà-vu?

Und diejenigen, die deutlich jünger sind: Wirkt das auf euch ganz anders, als ich es wahrnehme?

Vielleicht denke ich aufgrund meiner eigenen Suchtgeschichte, dass junge Menschen möglichst wenig mit Stoffen in Berührung kommen sollten, die abhängig machen können. Gerade deshalb interessiert mich, ob andere Menschen das ähnlich oder völlig anders wahrnehmen.

Zu meiner Suchtgeschichte habe ich bereits viele Texte geschrieben: Open Source Texte auf der Dropbox Zur freien Verwendung und Weitergabe, bei Verwendung bitte "Jemand DrachenSchaf" als Autor angeben.

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Heute hat Facebook mir wieder einen alten Beitrag vorgeschlagen (siehe Link ganz unten). Einen, den ich mittlerweile fast jedes Jahr noch einmal teile.

Und jedes Jahr lasse ich den Text unverändert.

Zum einen leider: "Wenn nicht die Hälfte Deutschlands gerade ihren xenophoben Trieben freien Lauf ließe und mir das scheiß Angst machen würde..." Ich hoffe immer noch, dass irgendwann der Tag kommt, an dem ich diesen Halbsatz streichen kann. Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn er einfach nicht mehr wahr wäre.

Auf der anderen Seite kann ich mein Glück kaum fassen. Denn der andere Teil stimmt seit Jahren genauso. Damals schrieb ich: "Mein Leben war noch nie so gut wie jetzt. Aber damals dachte ich das auch schon."

Das Verrückte ist: Auch heute stimmt dieser Satz schon wieder.

Manche Menschen sind nicht mehr Teil meines Lebens, neue Menschen sind Teil meines Lebens geworden, manche waren nur kurz ein Teil davon.

Aber eines ist geblieben:

Das größte Glück und das größte Abenteuer in meinem Leben waren und sind die Menschen darin.

Gemeinsame Gespräche. Gemeinsame Erlebnisse. Menschen, die mit einem lachen, streiten, erleben, arbeiten oder einfach einen Abschnitt des Weges mitgehen.

Mein Leben wird immer nur schön, durch die Menschen darin.

Auf noch mehr beste Zeiten im Leben!

🍻 (auf meiner Seite mit Rhabarberlimo)

https://www.facebook.com/share/1BLcoVFPMr/

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geteilt von: https://feddit.org/post/31589722

Es wird ein generisches Femininum verwendet, gemeint sind alle Geschlechter.

Ich höre immer darauf, wie Menschen über die reden, die nerven, die im Weg stehen, die unangenehm sind und ganz besonders über ihre ehemaligen Partnerinnen. Nicht, weil ich erwarte, dass jeder immer verständnisvoll und zenartig durch die Welt schwebt. Menschen sind genervt, verletzt, wütend und dann manchmal ungerecht. Das ist schlichtweg menschlich und Freundinnen/Partnerinnen sind auch dafür da sich mal den Frust vom Herzen zu reden.

Aber ich höre darauf, ob andere Menschen in diesen Geschichten noch Menschen bleiben.

Die beste Prüfung sind oft die Ex-Freundinnen. Wenn angeblich jede Ex eine Narzisstin, ein Arschloch oder eine manipulative Dämonin war, werde ich vorsichtig. Nicht, weil das unmöglich wäre. Sondern weil ich mich frage, warum in all diesen Geschichten kein eigener Anteil, kein Zweifel an der eigenen Sicht der Dinge und keine Grautöne vorkommen. Ein einfaches: "Naja, es hat halt nicht gepasst mit uns." ist da schon was wert.

Und der schnelle Alltagstest funktioniert genauso. Wie redet jemand über laute Jugendliche, über die Betrunkene an der Bushaltestelle oder über die Obdachlose, die gerade bettelt? Kommt irgendwann ein Satz wie: „Vielleicht hatte sie einen schlechten Tag.“ Oder: „Ist schon hart, auf der Straße zu leben.“ Muss kein Mitleid sein. Nur die Anerkennung, dass da ein Mensch steht.

Denn irgendwann nervt jede mal. Irgendwann enttäuscht jede jemanden. Und wenn Menschen für jemanden in dem Moment ihre Menschlichkeit verlieren, frage ich mich immer, was passiert, wenn ich eines Tages auf dieser Seite der Geschichte stehe.

Menschen dürfen urteilen. Menschen dürfen sagen, dass sie mit etwas nicht klarkommen, ob nun mit einem Verhalten, einer Altersgruppe, einem Lebensstil oder sogar einem bestimmten Geschlecht. Dafür gibt es tausend Gründe, und viele davon sind nachvollziehbar, auch wenn man sie selbst nicht teilt.

Der entscheidende Unterschied liegt für mich nicht darin, dass jemand etwas ablehnt, sondern wie diese Ablehnung sprachlich verortet wird.

„Ich komme mit X nicht klar“, "Ich mag nicht wenn jemand X ist." oder ähnliches bleibt im eigenen Erleben. Es beschreibt eine Grenze der eigenen Verträglichkeit, nicht eine Eigenschaft der Welt.

„Alle X sind Y“ verschiebt genau diese Grenze nach außen. Aus einem subjektiven Urteil wird eine vermeintliche Tatsache über ganze Gruppen.

Und genau an dieser Stelle beginnt für mich der relevante Unterschied. Jeder Mensch ist mal emotional oder auch unfair, aber worauf ich achte ist, ob jemand noch erkennt, dass es ihr Urteil ist und keine allgemeingültige Beschreibung von Menschen.

Wenn diese Korrektur fehlt, wenn aus einzelnen Erfahrungen stabile Feindbilder werden und Menschen nicht mehr als Individuen gedacht werden, sondern nur noch als Kategorien. Das ist der Punkt, an dem ich vorsichtig werde.

Das ist für mich keine Vorliebe und kein No-Go.

Das ist meine klare Red Flag: Menschen die jedem nervigen Mitmenschen die Menschlichkeit absprechen, sollte man meiden. Sonst gerät man selbst eines Tages an diese Position.

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Nubsis, Nubsis, everywhere!

Kartons überall, Schrauben, Nubsis, von denen man nicht genau weiß was sie halten sollen. Und vor allem viele Dinger... Dinger halt, keine Ahnung, sie werden einen Sinn haben... mutmaßlich... und schau mal 6 neue Inbusschlüssel... die Umzugshelfer kommen also nicht... das Internet geht doch noch nicht... irres Lachen... wir kriegen das schon hin...

Irgendwo dazwischen zwei Menschen, die eigentlich nur versuchen wollten, aus flachen Paketen einen drei-dimensional bewohnbaren Zustand zu zaubern.

Ein Umzug ohne Umzugsunternehmen ist schon eine eigene Form von Naturkatastrophe mit Ansage. Dies hier ist ein Umzug mit größtenteils neuen Möbeln. Ich würde jedem in meinem Umfeld in dieser irren Zeit des Umzugs helfen, weil niemand diesen Irrsinn allein stemmen sollte. Und dann ist da mein Herr Schmitt. Wir sind keine Kollegen, die sich irgendwann an der Kaffeemaschine zugewunken haben. Wir haben uns vor 4 Wochen Hals über Kopf verliebt und stehen jetzt da. Schraubenzieher in der Hand, weil bei ihm dieser Umzug schon lange geplant war (zum Glück zieht er in eine Wohnung in fußläufiger Nähe zu mir).

Das ist anstrengend, wirklich anstrengend... körperlich, organisatorisch, nervlich. Dinge funktionieren nicht, Dinge fehlen, Dinge sind falsch gedacht, die Technik streikt oder Leute lassen einen im Stich. Man ist verliebt wie die Hölle und möchte romantische Spaziergänge, gemütliche Filmabende und am liebsten alle paar Minuten übereinander herfallen. Die meiste Zeit verbringt man aber mit Inbus, Akkuschrauber und Nubsis, die ihren Platz finden wollen. Und trotzdem hat genau dieses gemeinsame Scheitern und Weiterbauen etwas, was sich auch gut anfühlt.

Es ist eine Art zusammenzuwachsen, von der ich dachte, dass sie einem mit Ü40 nicht mehr passiert. Ein echter Neuanfang, aber direkt am Anfang der gemeinsamen Zeit. Wir bauen zusammen etwas auf, sehr wortwörtlich und so was kommt normalerweise eher wenn man sich schon eine Weile kennt

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Playlist: „Unterwegs zwischen Heimaten“

Keine meiner Playlists ist ein Sammeln von Songs. Diese hier ist ein Bewegungsprotokoll. Mein Weg ist nie eine gerade Linie, sondern ein mäandernder Fluss durch eine Landschaft aus Zeit, Welt, Erinnerungen, Menschen, aber auch banal Haltestellen, Verspätungen und falschen Gleisen. Und nichts könnte dies alles gleichzeitig schöner ausdrücken als Musik, finde ich.

Ich liebe das Losfahren. Egal wohin, wenn es eine längere Strecke gehen soll, dann freue ich mich. Also erst mal das feiern:

„I’m on My Way“ von The Proclaimers: Aufbruch mit Dialekt im Mund und einer Richtung... vorwärts.

„Road to Nowhere“ von den Talking Heads: eine nüchterne Wahrheit, die niemanden schockieren sollte: Wir wissen nicht, wo wir ankommen. Das macht das Leben in jeder Sekunde zu einem Abenteuer, aber selten so sehr wie wenn man eine Reise antritt. “Es ist eine gefährliche Sache, aus deiner Tür hinaus zu gehen. Du betrittst die Straße und wenn du nicht auf deine Füße aufpasst, kann man nicht wissen, wohin sie dich tragen.” [J.R.R. Tolkien]. Und selbst wenn du das Ziel erreichst weißt du nicht als wer du ankommst... darum geht es ja in den Blitzlichtern zu dieser Reise.

„Highway to Hell“ von AC/DC: Dieser Song steht für meine Lebenshaltung. Wenn es einen Richter gäbe, irgendein Schöpferdings, würde ich zu allem stehen und ehrlich bereuen wo ich anderen weh getan habe. Ich würde jede Konsequenz dafür akzeptieren. Wenn mich aber irgendwas oder irgendwer für meine Liebe zum Leben und zum Körper verurteilt, wenn mir irgendwer auflistet wann ich mit wem nicht hätte schlafen dürfen... dann kriegt Schöpferdings zwei Mittelfinger und soll verfahren wie es mag, es ist dann mein Feind, egal wie unterlegen ich bin.

„On the Road Again“ von Canned Heat und „Life Is a Highway“ von Tom Cochrane: Das sind für mich Hymnen des Unterwegsseins, staubig, nach vorn. Besonders Cochrane macht hier einfach Lust auf Reise, egal wohin.

„Sweet Home Alabama“ von Lynyrd Skynyrd: Das ist kein Ort, sondern ein Zustand. Heimat, die nicht geografisch funktioniert, sondern biografisch. Ich habe viele Heimaten und reise zwischen ihnen. Der Spessart, aber auch Nürnberg, Bingen, der Ruhrpott, Wilhelmshaven. Gib mir nen Schlafsack und ich werde davon reden, jetzt heimzugehen, wenn ich schlafen gehe. Denn ich hab mein eigentliches Zuhause immer mit dabei, ich wohne in mir selbst. Und das verdanke ich der starken Verwurzelung im Buntsandstein unter Spessarteichen. Mein Sweet Home Alabama.

„Homeward Bound“ von Simon & Garfunkel: Heimat ist dort wo meine Musik spielt, wo die sind die ich liebe... also wieder im Spessart, im Rheinland, in Nürnberg, im Ruhrpott und ja, vor allem in Wilhelmshaven. Egal wie ich es drehe, ich hab viele Heimaten und so bin ich im Gegensatz zum Protagonisten dieses Liedes, fast immer nach Hause unterwegs.

„Leaving on a Jet Plane“ von Peter, Paul and Mary (ich liebe deren Version): Das ist Abschied vom Nordseehimmelmensch ohne Drama, weil Rückkehr mitgedacht ist.

„The Passenger“ von Iggy Pop: Der Song ist oft das Motto meines Lebens. Der Beobachterposten und die Landschaft ziehen lassen. Besonders wenn alles stressig wird sitze ich auch mal ein paar Wochen in meinem Elfenbeinturm (meist hab ich im Dachgeschoss gewohnt) und schaue nach unten (und ins Internet) was Leute so tun. Dann erst tief durch schnaufen und wieder selbst rein stürzen.

„Graceland“ von Paul Simon: Ich fahre nicht nach Memphis, nicht zu Elvis, wobei am Ende doch ja, das weiß ich aber noch nicht als ich Graceland in die Liste nehme. So ist das auf der "Road to Nowhere", man weiß nie wo man ankommt. Ich fahre zu meinem Ursprung und der ist ja immer ein bisschen Elvis, das weiß ich ja, immer ein bisschen Musik. Und Menschen und Wald und Boden und Flüsse und Hügel und Geschichte und Geschichten...

„Going Up the Country“ von Canned Heat: Ich liebe die Stadt. Wilhelmshaven ist mir fast zu klein. Ich liebe die Möglichkeiten, die Freiheit, die Internationalität, die Anonymität... aber ich bin vom Kaff. Schlimmer, ich bin Kind eines Bauerns. Das kriegst du aus dem Mensch nicht raus... und dann muss ich manchmal raus. Und darüber reden dass der Mais dieses Jahr gut aussieht... dabei hatten wir nicht mal Acker... na ja, ich verstehe mich da auch nicht.

„I’m Gonna Be (500 Miles)“ von den Proclaimers (ich liebe Dialekte): Das ist einer meiner All-time-favorites. Und an der Stelle etwas Ironisch, denn ich fahre von meinem Herr Schmitt ja weg... Aber es gibt noch mehr Menschen, die ich liebe. Viele davon treffen sich dieses Wochenende im Spessart. FAMILIE! Ich würde 500 Meilen für euch laufen.. oder 500 km DB und wieder zurück und von meinem Liebsten weg für euch fahren, nur um mit euch ein Wochenende zu verbringen. Also ich würde nicht nur, ich tue.

„Down by the River“ von Albert Hammond: Come in the water is fine... das wäre meist eine Lüge in deutschen Gewässern, aber es ist ein Land der Flüsse und ich liebe dieses Lied mit seinem fröhlichen, leicht frechen Klang.

Dann gibt mir mein Nordseehimmelmensch zwei Songs:

"Every You Every Me" von Placebo: Muss man in den 90ern eigentlich ein Teeny gewesen sein um nach 3 Sec einen Film dazu vor Augen zu haben? Reiche junge Leute, die nichts besseres zu tun haben als sich gegenseitig zu verführen, zu manipulieren und sich dann doch zu verlieben und schließlich zu sterben... Haben eigentlich alle diesen Film gesehen damals? Wir waren schräg... Aber die Musik war fantastisch.

Und der zweite Song... na ja, der ist viel schwieriger für mich.

"Let Me Love You" von Mario: Äh, ja... das ist sehr... glatt. Mein Ohr findet keinen Ansatzpunkt. Aber er bleibt auf der Liste, weil der Herr Schmitt wohl irgendwas darin findet und ich in Herrn Schmitt.

„Galvanize“ von den Chemical Brothers: Das ist genau was ich an Hip Hop (ich denke es ist Hip Hop, das ist nicht meine eigentliche Musik Richtung) liebe. Die Beats, der Bass, dieser TANZIMPERATIV. Das fehlt mir bei R&B... und wenn es noch dazu glatt durchgestylt wie "Let me love you" daher kommt, dann finde ich darin nix.

„I (Who Have Nothing)“ von Tom Jones: Ich lasse mir aber nicht nachsagen ich würde Schmalz grundsätzlich ablehnen... Tom Jones schreit die Verzweiflung über unterschiedliche Lebensrealitäten geradezu heraus. Natürlich passt es nicht ganz zu meiner Situation mit Herrn Schmitt, aber genug um das Gefühl zu kennen, dass hier besungen wird.

"Ein ehrenwertes Haus" von Udo Jürgens: Denn genau dieses Gefühl hab ich schon gehabt: "Ich passe nicht in dein Leben. Ich bin nicht angemessen. Hast du eigentlich deinen Eltern schon gesagt, dass ich Erwerbsminderungsrente beziehe?"

„Midnight City“ von M83: Steht für mich für die Stadt ohne Tageszeit. Möglichkeiten in neon, statt grün. Ein Song, der von einer Person kommt, die irgendwie zum für ihn falschen Zeitpunkt da war und trotzdem nicht weg ist.

„Send Me on My Way“ von Rusted Root: Der Song ist ein entspannter Widerspruch in meiner Liste: Niemand muss mich schicken. Ich gehe selbst. Doch wer ihn mal gehört hat wird wissen warum er bleiben darf.

„Drive“ von Incubus: Den hab ich gar nicht gesucht, sondern zufällig bei der Suche nach "Drive" von R.E.M. gefunden und er passte so gut zu mir, er durfte bleiben. Auch wenn ich mich in für mich neue Songs erst "einhören" muss. Meine Ängste, meine Unsicherheit alles ist hier drin.

"Drive" von R.E.M.: Muss ich dazu viel sagen? Tic Tac... What if...? Maybe.... Nobody tells you where to go... Verdammt noch mal, hört euch den Song einfach an. Meiner Meinung nach der Beste überhaupt von R.E.M. und das heißt schon was.

„Driver’s Seat“ von Sniff 'n' The Tears: Ich fahre los und ICH sitz' am Steuer!

„Run Runaway“ von Slade: GALOPP! Der Umstieg wird ernsthaft knapp. Schneller, renn... run runaway...

„Die Moldau“ von Bedrich Smetana: Ich hab den Anschluss verpasst. Jetzt Kaffee, Frühstück, durch schnaufen und während des still Stehens: 13 Minuten einem Fluss bei seinem Lauf zuhören. Landschaft, die sich selbst erzählt.

„Hotel California (Live on MTV, 1994)“ von den Eagles: Der Bass ein Herzschlag, die Gitarren streicheln meine Emotionen, der Text wird Nebensache, die Stimme besänftigt alle Sorgen. Ein Lied aus meiner Notfallliste. Grad bin ich nicht im Notfall, aber ab und an muss der Song auch so sein, zum Beispiel wähnend ich nen Apfel esse und dem Regen am Bahnhof in Duisburg zusehe bis der nächste Zug nach Koblenz fährt.

„What a Wonderful World“ von Louis Armstrong: Der Song lief nur an, weil er auf der Notfallliste nach "Hotel California" dran ist. Aber diese Mischung aus Liebe für die Welt und sie dennoch realistisch sehen, ist auch meine Art wie ich versuche auf das Leben zu blicken. Und Armstrong hat eine Stimme die schlicht gut tut.

„Lay Down Sally“ von Eric Clapton: Das spielt nicht Mr. Slowhand für mich. Das ist meine Mutter, die sagt: "Setz dich erst mal! Hast du schon gegessen?" um dann 2 Minuten später irgendeine Aufgabe für mich zu haben... Eltern sind halt leider nicht Clapton...

„New York Groove“ von Ace Frehley und „Nürnberg Groove“ von J.B.O. (als respekt- und humorvolles Cover): MAINHATTAN! Du nervst, ich mag dich, du hast die unhöflichsten Menschen, ich fahr die Ellenbogen aus, sobald deine Skyline glitz... nein die glitzert nicht mal mehr, sieht aus als wärst du in die Jahre gekommen, ich bin dich noch zu sehr gewohnt um dich schätzen zu können... FÄHRT DER VERDAMMTE RE55 SCHON WIEDER VON NEM ANDEREN GLEIS! Du machst das mit Absicht, ich hasse dich FFM, bis ich dich wieder vermisse, du dreggische Real-Version von Ankh-Morpork.

„Country Trash“ (American Recordings III: Solitary Man) von Johnny Cash: Ich bin ja auch nicht aus FFM, sondern aus nem Kaff im Spessart und wie bereits erwähnt: Kind von nem Bauern. Doch Cash singt hier keine Verachtung für das Kleine und leicht Spießige, sondern Anerkennung.

„Three Lions (Football's Coming Home)" von Baddiel, Skinner & Lightning Seeds Der Song ist diese alte Abenteurerhoffnung einmal derart frenetisch zu Hause begrüßt zu werden. Der Held für die eigenen Leute zu sein... Na ja... meine Mutter hatte die Tür offen, sagte: "Da bist du ja. Hast du schon was warmes gegessen? Ich hab Leberknödelsuppe gemacht." Realistisch betrachtet ist das der bessere Empfang.

Und am Ende steht Elvis mit "Don’t“.

Nicht als Schluss, sondern als Ursprung. Ich hab mit meiner Mutter begonnen ihre Geschichten aufzuschreiben und sie erzählte mir die Kennenlerngeschichte mit meinem Vater, Teile davon kannte ich, auch das Tanzen ein ausschlaggebender Faktor war. Sie erzählte mir aber als Premiere, dass es der Song "Don't" war zu dem sie das erste Mal mit ihm verliebt getanzt hatte. Und so war meine Reise doch irgendwie nach "Graceland".

Danke an Elvis, danke an den Rock 'n' Roll, danke an die Musik. In meiner Familie und meinem eigenen Leben, war die Musik schon immer fast eine eigene handelnde Person. Aber sie ist auf jeden Fall:

Der Soundtrack meines Lebens

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Gestern hat mich Herr Schmitt süßerweise vom Bahnhof abgeholt, heute Morgen hat er mich um kurz nach vier vor meiner Wohnung abgesetzt. Er musste zur Arbeit, ich nach Hause. 13,5 Stunden Reise lagen hinter mir. Busse, Züge, Umstiege, Verspätungen, Rückenschmerzen. Und dann vier Stunden Schlaf.

Ich kam in die Wohnung, noch in der unbequemen Jeans. Die Reisetasche stand unberührt im Flur. Ich hatte noch nicht geduscht. Ich hatte noch nicht einmal Kaffee gemacht! Und doch setzte ich mich an den Rechner und fing an die Texte von gestern zu ordnen und zu veröffentlichen.

Nicht weil ich musste.

Nicht weil jemand darauf wartete.

Nicht weil ich Geld damit verdiene.

Sondern weil ich meine Texte ordentlich veröffentlichen wollte.

Was ich zu sagen hatte musste raus an die Leute und zwar genauso wie ich es haben will.

Die drei Blitzlichter von unterwegs waren schon online, aber noch nicht überall. Ich wollte Bilder ergänzen. Fehler korrigieren. Alles so haben, wie ich es haben wollte. Erst nach 5, als ich mir endlich nen Kaffee machte und verspätet auf die Nachricht meines Herrn Schmitts reagierte, fiel mir auf, wie absurd das eigentlich ist.

Ich habe einen großen Teil meines Lebens nach dem einen Ding gesucht. Dem, was meine Geschwister scheinbar alle hatten. Etwas, für das ich brenne. Etwas, das ich nicht mache, weil ich muss, sondern weil ich gar nicht anders kann.

Ich hatte viele Jobs. Ich hab zweimal studiert. Ich hab unzählige Hobbys ausprobiert. Jede Kunstformen ausprobiert die mir irgendwie zugänglich war. Ich habe Erfüllung in Beziehungen gesucht. Ich habe jeden Menschen, der mich nur ein bisschen kennt gefragt, was er glaubt, was ich gut kann.

Und immer dachte ich, ich würde noch suchen oder mich langsam damit abfinden nie "mein Baby" zu finden, nie das Ding, was ich der Welt hinterlassen will und mich im Leben erfüllt.

Mein Werk.

Nicht nur die Texte.

Auch die Videos. Die Fotos. Die Gedanken. Die Streams. Die Essays. Die Blitzlichter. Dieses ganze seltsame, chaotische, öffentliche Performance-Projekt namens „Jemands Leben - nur viel davon“.

Das ist mein Werk.

Das ist das, was ich hinterlassen möchte.

Nicht weil ich glaube, wichtig zu sein, das würde dem "Jemand"-Gedanken und somit einem der Grundkonzepte des Werks, auch völlig widersprechen.

Sondern weil ich glaube, dass die Dinge, für die ich dort einstehe, die ich darin zeige, die ich dokumentiere, wichtig sind. Das ist genau das was von mir übrig bleiben soll, wofür ich in Erinnerung bleiben soll.

Und vielleicht war die größte Überraschung des Morgens gar nicht, dass mir das klar wurde.

Sondern dass ich offenbar schon vor Monaten aufgehört habe "mein Ding" zu suchen.

Ich hatte es nur noch nicht bemerkt.

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Ich liebe Deutschland. Nicht die Nation, nicht die Flagge, nicht den Sport. Sondern das Land, das mich geformt hat wie meine Erziehung und der Zeitgeist. Die üppige grüne Landschaft, die überall sichtbare Landwirtschaft, die Städte, die Mentalitäten, die Leute, ich komme aus Rhein-Main, wo „die Leute“ auch aus aller Welt kommen, oder zumindest ihre Eltern oder Großeltern.

Das „kann nicht klagen“, wenn jemand grad im Glück badet hat mich geformt. Das Meckern übers Wetter, welches auch immer gerade herrscht. Das „kann man essen“, wenn das Essen Standing Ovations wert wäre. Das „tja“, wenn die Welt untergeht und auch ansonsten für jede Gelegenheit. „Gell“ und „fei“ in ihren vielfältigen Anwendungen.

Das ist meine Heimat. Sie hat auch mich gemacht wie bin. Ich liebe sie. Und ich stehe dazu.

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Vorbei an Hügeln, Tälern, Flüssen, Wäldern, Fruchtbaren Feldern, Städten und Dörfern von Mittelalter bis Dekonstruktivismus… alles Leuchtet im Junigrün… je weiter weg ich von der alten Heimat komme desto weniger Streuobstwiesen schmücken die Hänge und desto flacher wird das Land…

… und was soll ich sagen? Ich liebe alles daran.

Unterwegs in Deutschland fühlt sich für mich wie innerhalb der Schönheit selbst unterwegs sein an.

Frankfurt am Main ist jetzt nicht so klassisch schön, es ist „dreggisch“ und pik-unhöflich.

Aber wahrhaft kosmopolit und vibriert förmlich vor Leben.

Dort eine Stunde auf den FlixBus zu warten ist aber trotz aufregender „Dreggischkeit“ dann doch ziemlich langweilig. Aber zwischendurch hat mein Nordseehimmel geschrieben. Er hat eine Art seine Gefühle einfach auszusprechen, die mich immer noch völlig von den Socken haut.

Können bitte alle Menschen so ehrlich sagen wenn ihnen was nicht passt oder wenn sie jemanden mögen? Nein, dafür sind sie zu kompliziert? Egal, ich hoffe mein Herr Schmitt hört nicht auf damit. Solange er das macht und ich das mache, habe ich nämlich das Gefühl wir können die ganzen üblichen Probleme schaffen.

Warum bin ich eigentlich so gern unterwegs? FlixBusSitze scheinen kaum für Menschen gedacht. Die Bahn ist so unpünktlich, dass man jeden 2. Umstieg verpasst. Mit dem Auto steht man im Stau. Oh da Kirche vor 3 Linden. Schau mal da die Brücke. Oh ein Steinbruch.

Warum bin ich losgefahren, weg von meiner Küste, von dem Nordseehimmel oben und dem Nordseehimmelmensch? Schau mal deine Bilder. Ah die Big Fish Menschen. Du bist mit denen verwandt, die da lachen und blödeln und sich ärgern.

Die schönsten Reisen sind zu Menschen hin und durch Landschaften hindurch.

Ich liebe Reisen! … ruf ich meinem Rücken zu!

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Hoosebebberli sind Klatschmohn. Das Wort für diese traumhaft schönen Blumen habe ich dieses Wochenende in meinem Heimatdialekt gelernt. Und das Levkojen die Blumen der Ostpreußen sind. Heimat durch Blumen 🌺… das ist so typisch meine Familie.

Mittlerweile bin ich in Aschaffenburg Richtung Frankfurt losgefahren, davor ich so lange zum Stoff sammeln gebraucht, für dieses Mini-Blitzlicht. Denn dieses Wochenende war überschäumend voll. Mit Essen, mit Lachen, mit peinlichen Momenten, mit Erinnerungen, mit Geschichten die weiter gingen, mit Ärger, mit Umarmungen…

Und die 1,5 h Busfahrt nach AB gingen drauf um das alles ein wenig zu ordnen. Diese BusLinie zwischen meinem Heimatdorf und meiner alten Wahlheimat bin ich so oft gefahren, dass ich gefühlt jeden Baum kenne. Ich wäre fast am Bahnhof Richtung meiner alten Wohnung losgelaufen.

Meine Familie ist anstrengend und beeindruckend. Für mich sind sie allesamt „Big Fish“, übergroße Figuren mit noch größeren Legenden.

Besonders meine älteren Geschwister sind Teil der „legendären Zeit“, die auch meine Mutter am liebsten erzählt. Also die 60er und 70er und naja, die 80er, bis ich zu der Zeit an die ich mich erinnere, also etwa ab ‘85.

Ich bin somit schon lange, bevor ich angefangen habe, meine Geschichten zu veröffentlichen, zum Chronisten dieser Geschichten geworden, die ich selbst überhaupt nicht erlebt habe.

Seit ich veröffentliche, mögen meine Geschwister nicht mal mehr meine Rolle, sie finden wohl peinlich was ich schreibe… dabei schreibe ich nur selten über sie.

Zum Glück mag meine Mutter den Chronisten immer noch. Sie hat mir auch, seit ich sehr klein war, immer wieder diese Familiengeschichten erzählt. Weshalb ich sage, ich war schon lange der Hüter der Familiennarrative.

Aber so kommt es, wenn ich bei meiner Familie auf einer Feier bin, dass ich einerseits stolz bin, ein Teil davon zu sein, andererseits mich sehr deplatziert fühle und dieses starke Gefühl von „du wirst an niemand von ihnen jemals heran reichen“.

Verbunden fühle ich mich mit meiner Familie schon, sie sind mein Ursprung, und sie sind Menschen, bei denen ich stolz bin, mit ihnen verwandt zu sein.

Mit meiner Mutter schreibe ich jetzt anhand der Bilder in den unzähligen Fotoalben die alten Familiengeschichten endlich mal auf. Insofern wird wenigstens meine Chronistenrolle mal gewürdigt.

Neben dieser sehr emotionalen Zeit mit meiner Familie bin ich auch momentan frisch verliebt. Leider konnte er nicht mit, weil es für ihn zu spontan war und es ja auch über 500 km sind.

Aber ausgerechnet den Menschen, der mir wieder Hoffnung gibt, doch vielleicht irgendwann für jemanden ein wirklich besonderer Mensch zu sein, lasse ich für die Arbeit an der Chronik warten.

Ich lebe für diese Geschichten, aber ich hoffe dass ich in diesem Moment nicht meine eigene Lebensgeschichte und einen für mich sehr besonderen Menschen zu arg zurück gestellt habe.

Trotzdem habe ich das Gefühl, das Wochenende hat sich gelohnt. Die noch anstehenden 11 Stunden Reise rechne ich als Grind (unangenehme andauernde Tätigkeit um in ComputerSpielen etwas zu erreichen), im RPG Real Life.

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geteilt von: https://feddit.org/post/31006832

Ich stoße immer wieder auf Diskussionen über Männerrechte und zwar nicht, weil ich aktiv danach suche, sondern weil ich mitbekomme, dass Männer in dieser Gesellschaft tatsächlich benachteiligt werden. Ich sehe diese Ungerechtigkeiten, und sie beschäftigen mich. Deshalb schreibe ich darüber: Nicht, um Männerrechte zu vertreten, sondern um zu zeigen, dass ich sie erkenne und zu erklären warum ich trotzdem nicht dafür eintreten werde.

Ich mag Männer. Ich habe männliche Freunde, die ich unglaublich schätze. Ich habe mehrere Brüder, die mich teilweise mit aufgezogen haben. Ich hatte einen Vater, vor dem ich zumindest in Teilen Respekt hatte. Und ich habe mehrere Männer in meinem Leben geliebt und bin auch gerade wieder frisch verliebt. Mein größtes Vorbild ist Viktor E. Frankl. Ich habe großen Respekt vor der Leistung dieser Männer in meinem Leben.

Interessanterweise sind diese von mir geschätzten Männer oft solche, die selbst stark unter dem Bild leiden, das die Gesellschaft von 'Männlichkeit' hat. Die Männer, die ich mag, haben oft etwas Weiches an sich, nicht nur im Charakter, sondern manchmal auch im Auftreten oder sogar in der Statur. Und genau diese Männer leiden oftmals am meisten:

  • unter anderen Männern, die sie als 'nicht männlich genug' abwerten,

  • unter Frauen, die sie nicht ernst nehmen,

  • oder unter Systemen, die sie für ihre 'Schwäche' bestrafen.

Und das ist kein Zufall. Es gibt viele Statistiken, die zeigen, dass Männer in dieser Gesellschaft stark leiden:

  • unter Depressionen,

  • unter Selbstmorden,

  • unter Gewalt.

Und sehr oft, nicht immer, sind diese Männer Opfer von anderen Männern. Nicht, weil Männer an sich ein böses Geschlecht wären, sondern möglicherweise auch weil Jungs in dieser Gesellschaft immer noch mit Sätzen wie 'Indianer kennen keinen Schmerz' oder 'Jungs weinen nicht' oder 'Sei doch kein Mädchen' großgezogen werden. Als ob alles, was als 'unmännlich' gilt, die Person abwertet. Und so wird die nächste toxische Generation herangezogen.

Im Prinzip rede ich also über die guten Männer, über diejenigen, die dieses System durchlaufen haben und trotzdem sehr gute Menschen geblieben sind. Die gibt es und die Männer, die ich mag, haben alle Schaden von diesem System genommen. Aber zum Glück nicht den, dass sie dadurch weniger gute Menschen geworden sind.

Trotzdem bin ich kein Männerrechtler. Ich bin Feminist, wenn auch nicht blind für Ungerechtigkeiten:

Ich sehe sie in der Wehrpflicht, die nur Männer in den Dienst zwingt. Ich sehe sie im Scheidungsrecht, das Männer benachteiligen kann. Ich sehe sie im Sorgerecht, das Väter oft als nachrangig behandelt. Ich sehe sie z.B. im Exhibitionismusparagrafen, der Männer und Frauen ungleich behandelt. Ich sehe sie darin, dass Bodyshaming gegen Männer gesellschaftlich akzeptierter ist, als wäre es weniger verletzend und niveaulos, einen Mann wegen seines Bauches zu verspotten als eine Frau. Das sind beispielhafte Punkte an denen Männer in meinen Augen tatsächlich benachteiligt werden.

Aber liebe Jungs und Männer, ihr erkennt das die Welt zu euch ungerecht ist und plötzlich wird Solidarität erwartet. "Frauen, kämpft für uns!" Aber warum sollten wir? Ihr habt uns jahrhundertelang ziemlich allein gelassen. Ihr habt uns gesagt, wir sollten uns nicht „so anstellen“. Ihr habt unsere Kämpfe in weiten Teilen ignoriert, kleingeredet und sogar sabotiert. Und jetzt, wo ihr betroffen seid, sollen wir springen? Nein.

Die Wehrpflicht z.B. ist ein Männerproblem. Nicht, weil sie nur Männer betrifft, sondern weil sie ein Symptom eines Systems ist, das Männer selbst geschaffen und jahrzehntelang verteidigt haben. Dass der Mann der starke Beschützer und die Frau das schwache Geschlecht seien, ist kein feministischer Gedanke. Wenn du willst, dass Frauen genauso eingezogen werden oder die Wehrpflicht abgeschafft wird, dann starte Petitionen oder such nach laufenden, schau nach wo bereits Arbeit in diese Richtung geleistet wird, sieh wo du den politischen Druck erhöhen kannst, erhebe deine Stimme zu dem Thema wo immer es geht.

Vielleicht ist die Wehrpflicht sogar eine Chance, der Moment, in dem Männer endlich begreifen, dass man sich gegen Ungerechtigkeit wehren muss. Vielleicht verstehen sie jetzt, warum wir so lange gekämpft haben. Vielleicht lernen sie, dass Veränderung nur kommt, wenn man selbst handelt. Wenn das passiert, war der Schmerz nicht umsonst. Vielleicht kommt dadurch endlich die männliche Emanzipation.

Bis dahin gilt: Euer Kampf. Eure Verantwortung.

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Teil 1: Der Körper als Spielfigur

Mein Zugang zu Body Neutrality ist nicht aus theoretischem Interesse heraus entstanden, sondern aus Leid. Ein gesundes Verhältnis zu meinem Körper hatte ich nie. So mit 12 fingen die inneren (seltener äußeren) Abwertungen an. Bis 2009 war ich zwar objektiv betrachtet durchweg untergewichtig, sah mich selbst aber als unglaublich dick. Dann nahm ich aufgrund von Psychopharmaka sehr stark zu und in den Jahren seitdem hungerte ich oft runter und hatte es nachher wieder drauf.

In dieser Gemengelage entstand irgendwann ein Konzept, das für mich bis heute stabilisierend wirkt: der Körper als Spielfigur in meinem eigenen Rollenspiel, als Fleischroboter. Unterstützt wurde diese Einstellung durch den Gedanken der Body Neutrality, den ich irgendwo im Internet aufgabelte.

Dieses Bild ist nicht abwertend gemeint, sondern funktional. Der Körper ist das Gefährt, das mich durch die Welt trägt. Er ist Fortbewegungsmittel, ermöglicht sämtliche sensorischen Eindrücke und ist somit Grundlage jeder Erfahrung. Ich habe nur diesen einen Körper in diesem Leben. Wenn er beschädigt wird, ist diese Beschädigung möglicherweise nicht reversibel. Der Körper schuldet mir keine Schönheit, ich schulde ihm aber Fürsorge. Body Neutrality bedeutet für mich deshalb nicht Gleichgültigkeit gegenüber dem Körper, sondern im Gegenteil eine sehr hohe Wertschätzung. Ich versuche, meinen Körper nicht mehr primär über Attraktivität zu bewerten. Die Frage „Bin ich schön?“ verliert an Bedeutung. Die Frage „Funktioniert dieser Körper?“ bleibt zentral. Funktioniert er mal nur eingeschränkt oder hat Bedürfnisse, die mein Empfinden von Ästhetik stören, dann nehme ich trotzdem Rücksicht darauf.

Bei Bodypositivity stört mich dieser Zwang den eigenen Körper als schön zu empfinden. Mein Verständnis von weiblicher Schönheit ist schon früh in meinem Leben durch mein Umfeld, die Medien, die allgemeinen Schönheitsideale und meinem Bedürfnis gefallen zu wollen, in eine ganz magere Ecke getrieben worden. Ich hab lange versucht, ihn zu optimieren, mit grausamer Selbstkasteiung, ich hab mich brutal abgewertet, ich habe versucht zu lernen diese Hülle um mich herum schön zu finden. Aber dann vor ein paar Jahren erst erkannt: Ich werde meinen eigenen, leicht übergewichtigen und wenig straffen Körper nie attraktiv finden. Aber mit Body Neutrality schaffe ich es, dass es mir weniger bedeutet, dass dies so ist.

Mein Körper ist kein Ausstellungsstück, er ist mein Interface zur Welt.

Teil 2: Gesellschaft als Bewertungsmaschine

Diese individuelle Perspektive ist für mich untrennbar mit einer gesellschaftlichen Entwicklung verbunden. Und hier zunächst ein Exkurs zu den Körperbildern und der Normalisierung ihrer Bewertung: Wir leben in einer Kultur, in der Körperbewertung ein permanenter Grundmodus geworden ist. Das beginnt lange vor Social Media, ich werde hier aber nur über den Teil schreiben, den ich selbst miterlebt habe. In den 90er Jahren bereits war der öffentliche Raum stark geprägt von oft extremen Körperbildern. Werbung, Magazine, Fernsehen und Kino haben über Jahre hinweg eine sehr enge Vorstellung davon vermittelt, wie Körper auszusehen haben. Und sehr häufig waren diese Bilder bereits stark bearbeitet und mit allem fotografischen Können gemacht, um den dargestellten Körper optimal dazustellen. Diese Entwicklung hat sich nicht abgeschwächt, sondern verschoben und verstärkt.

Mit dem Aufkommen von Social Media wurde aus einer relativ begrenzten Anzahl öffentlicher Körperbilder eine permanente, demokratisierte und beschleunigte Sichtbarkeit. Nicht mehr nur Stars wurden bewertet, sondern sehr viele Menschen gleichzeitig. Influencer-Kultur hat diese Dynamik weiter intensiviert, weil sie Nähe simuliert. Die gezeigten Körper wirken nicht mehr wie Ausnahmefiguren, sondern wie erreichbare Normen.

Hinzu kam danach noch eine zweite Verschiebung: sehr leicht verfügbare Filter.

Filter, Bildbearbeitung und Inszenierung sind nicht neu, aber ihre Verfügbarkeit hat sich radikal verändert. Was früher professionelle Produktion erforderte, ist heute ein Knopfdruck. Körper können in Echtzeit verändert, optimiert oder vollständig transformiert werden. Mit KI erreichte diese Entwicklung eine neue Stufe. Jetzt entstehen Körperbilder, die nicht nur technisch bearbeitet, sondern vollständig synthetisch erstellt wurden. Und sie sind oft so optimiert, dass sie in der physischen Welt nicht erreichbar sind. Nicht einmal mit maximalem Training, optimierter Ernährung, fachlicher Unterstützung oder chirurgischen Eingriffen.

Wir haben damals angefangen, unsere Körper mit professionellen Models und später mit stark bearbeiteten Körpern zu vergleichen, heute vergleichen wir uns nicht einmal mehr mit Menschen. Und das war auch in den 90ern schon problematisch, denn mir geht es hier mehr um Selbstwahrnehmung als um Attraktivität und Schönheitsideale bei der Partnersuche. Ganz kurz und ganz einfach umrissen jetzt: Menschen "lernen" was schön ist aus dem, was in ihrer Umgebung als schön reproduziert wird. Vergleich ist hier völlig normal und menschlich. Je "unmenschlicher" aber das ist, was allgemein meist als schön gekennzeichnet ist, desto unrealistischer wird diese eigene Vorstellung von dem, was man als attraktiv empfindet.

Und mit diesem gelernten Schönheitsideal begegnen wir nun nicht nur dem eigenen Körper, sondern allen Körpern und heutzutage kann man noch dazu den eigenen Körper quasi direkt der ganzen Welt zur Bewertung stellen und andere mit einem Klick bewerten. Und wenn wir jetzt einen Körper einer realen Person kommentieren, egal ob positiv oder negativ, dann gießen wir Öl ins Feuer der Fixierung auf den Körper als öffentliches, bewertbares Ästhetikprojekt.

Hinzu kommt etwas, das oft vergessen wird: Habe ich überhaupt eine Berechtigung zu dieser Bewertung? Egal, ob eine Person in der Stadt, die mir gefällt oder missfällt oder eben auf Social Media. Ich weiß nicht, ob die betreffende Person mir gefallen möchte. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt zur Zielgruppe ihrer Selbstdarstellung gehöre. Warum sollte meine Bewertung selbstverständlich relevant für sie sein? Warum sollte ich sie ungefragt äußern?

Besonders da auch positive Kommentare Teil dieser Struktur sind. Sätze wie „Du hast abgenommen“ oder „Du siehst gut aus“ sind nicht neutral. Diese gutgemeinten (oder als Anmache gemeinten) Sätze können bei der Person selbst Schaden anrichten (dazu vielleicht mal ein eigener Text), aber sie setzen auch implizite Vergleichswerte und ordnen Körper in Bewertungssysteme ein.

Entscheidend ist dabei nicht einzelne Bosheit oder guter Wille, sondern die Struktur. Körper werden kontinuierlich als kommentierbare Information behandelt. Das gilt besonders für den öffentlichen Raum. In privaten Beziehungen, in denen Einverständnis, Nähe und Gegenseitigkeit bestehen, ist Attraktivität eine normale und oft wichtige Form der Kommunikation. Dort kann sie Verbindung schaffen, manchmal auch schwierige Verbindung, aber sie ist Teil der Aushandlung im sozialen Nahbereich.

Das zentrale Problem liegt für mich deshalb nicht in der Existenz von Attraktivität oder Wahrnehmung. Menschen werden immer Schönheit sehen und darauf reagieren. Das ist nicht der Punkt. Das Problem ist die Dauerpräsenz dieser Bewertung als sozialer Hauptmodus. Wenn Körper permanent kommentiert, verglichen und eingeordnet werden, verschiebt sich der Fokus von Handlung, Können und Beziehung hin zu Oberfläche.

Diese Entwicklung ist nicht nur ein individuelles Problem. Viele nehmen sie wahr, viele Beklagen diese Oberflächlichkeit und doch behandeln wir Oberflächlichkeit oft wie ein Naturereignis, obwohl wir sie jeden Tag aktiv herstellen. Mein Eindruck ist, dass wir hier an einen Punkt kommen, an dem nicht Verbote oder einzelne Regeln helfen, sondern eine kulturelle Drosselung notwendig ist.

Es geht nicht darum Attraktivität, Komplimente oder Flirten zu verbieten. Man kann tausende Komplimente machen, die nichts mit dem Körper zu tun haben, sondern das Wissen, Können, den Stil usw. einer Person betreffen. Es geht nur darum nicht die Körper von Wildfremden zu kommentieren, die man nie treffen wird. Nicht als moralische Forderung im strengen Sinn, sondern als pragmatische Schadensreduktion.

Der Grundgedanke ist einfach: Erst einmal nicht schaden.

Mein Körper ist kein Ausstellungsstück, er ist mein Interface zur Welt. Und der von anderen genauso.

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Ich denke es ist ein recht deutsches Phänomen, dass man über Geld nicht spricht. Direkt über das Einkommen zu reden wirkt immer fast anrüchig. Das hat nicht nur negative Effekte, wie ich finde, denn so gibt es auch nicht den direkten Vergleich in Familien oder Freundesgruppen. Ich glaube allerdings, dass genau durch diese kulturelle Eigenheit, viele Menschen unterschätzen, wie grundlegend Geld eigentlich ist. Das liegt glaube ich nicht mal daran, dass sie ignorant wären, sondern daran, dass zum Glück viele Menschen von mehr als dem Existenzminimum leben. Und auch im nahen Umfeld nur Leute haben, die nicht darunter fallen. Das reicht meist dass man nicht erlebt, dass eine kaputte Waschmaschine das Leben in den nächsten Monaten komplett umkrempelt.

Wenn man über längere Zeit wirklich wenig Geld hat, verändert sich der Blick auf die Welt. Das Problem ist dabei nicht einmal in erster Linie der Verzicht. Menschen können auf erstaunlich vieles verzichten. Man kann lernen, selten essen zu gehen. Man kann lernen keine Markenprodukte mehr zu essen und zu benutzen. Man kann lernen, mit alten Möbeln zu leben. Man kann lernen, Kleidung lange zu tragen. Man kann sogar lernen, Wünsche aufzuschieben. Das eigentliche Problem ist, dass man ständig Sicherheit gegen etwas anderes eintauscht.

Wer genug Geld hat, kauft sich eine Hose und besitzt danach eine Hose. Wer sehr wenig Geld hat, kauft sich eine Hose und besitzt danach ebenfalls eine Hose, aber gleichzeitig hat er einen Teil seiner Sicherheit ausgegeben. Das klingt zunächst merkwürdig, wird aber sofort verständlich, wenn man sich klarmacht, dass diese dreißig Euro am Ende des Monats möglicherweise darüber entscheiden, ob eine Abbuchung funktioniert oder zurückgeht oder eben noch der verdammte Wasserkocher kaputtgehen darf. Dasselbe gilt dafür sich einen Restaurantbesuch, ein Computerspiel oder einen neuen Toaster zu leisten. Jeder Kauf ist gleichzeitig die Entscheidung, auf einen Teil des Puffers zu verzichten, der einen vor den Problemen des nächsten Monats schützt.

Spontankäufe spürt man also Ende des Monats, aber auch die Fehlertoleranz sinkt dramatisch. Damit meine ich, wenn dir dein Handy ins Klo fällt, wenn du auf deinen Wohnzimmertisch stolperst... dann wirst du eine Weile ohne leben oder wieder Sicherheit abgeben. Genauso wenn du nichts dafür kannst dass etwas kaputt geht. Der Puffer muss alles gleichzeitig abdecken. Ob etwas selbst verschuldet ist oder zufällig passiert, ob etwas aus Notwendigkeit oder aus Überschwang gekauft wurde spielt praktisch keine Rolle mehr, weil alles denselben Effekt hat: sofort weniger Spielraum.

Noch weniger Toleranz gibt es bei Behördenangelegenheiten. Fristen, Anträge, Bearbeitungszeiten, was muss beim Antrag mit dabei sein, auf was habe ich Anspruch, das muss man alles wissen oder jemand haben der es weiß, oder man muss mit Abstrichen vom Existenzminimum rechnen, zumindest mit Überbrückungszeiträumen.

Und wer soll beim Überbrücken helfen? Die Bank sicher nicht, Kredithaie sind ne schlechte Idee, bleiben Familie, enge Freunde oder der Partner (dazu kommen wir gleich noch ausführlicher). Wenn deine Armut schon länger andauert und wahrscheinlich auch nicht bald enden wird, dann ist das ein zutiefst bitteres Geschäft für alle Beteiligten. Jede Familie und jeder Freundeskreis regelt das anders, aber einen Fall von Armut im Kreis zu haben vergiftet alles doch zumindest ein bisschen. Eine Seite: "Wie oft wird sieer noch Geld brauchen?", "Werde ich es zurückbekommen?", "Ist es ok ihmihr nichts geliehen zu haben, obwohl es ihmihr schlecht geht?", "Ich brauche das den Monat eigentlich zurück, kann ich das ansprechen?", "Wäre sieer jetzt hier, wenn ich kein Geld geliehen hätte?"; andere Seite: "Denkt sie*er ich wäre nur hier weil ich Geld brauche?", "Bin ich insgeheim nur deshalb hier?", "Wenn ich sage ich kann mir Wandern auf Korsika nicht leisten, was wird passieren?" solche leisen, inneren Prozesse meine ich. Meist bauen sich Freundeskreise aber ja schon auf Grund der Aktivitätsmöglichkeiten ja dann doch auch ein wenig entlang der Einkommensgrenzen auf.

Menschen sagen dann oft, man solle eben kostenlose Dinge machen. An den Strand oder in den Wald gehen zum Beispiel. Das klingt vernünftig, blendet aber meist aus, dass auch kostenlose Dinge Voraussetzungen haben. Neben der Versorgung dort, die natürlich auch mit Leitungswasser und mitgebrachtem Essen funktioniert, ist die wichtigste Frage: Von wo starte ich? In vielen Fällen wohnen Menschen am Existenzminimum in Kleinstädten oder recht rauen Stadtgebieten. Hauptsache Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr. Von dort aus ist vieles zu erreichen, manches umständlich, manches gar nicht. Aber sagen wir ein schönes Waldgebiet oder ein See liegt in 30 Minuten ÖPNV-Reichweite. Was muss dafür gegeben sein? Ein Ticket. Ein Ticket ist eine Entscheidung, entweder in Einzelfällen (geht aber irgendwann ins Geld), oder noch ein Abo mehr auf dem ächzenden Konto.

Ja, dann die Liebe... das ist jetzt mal nur meine Position, weil meine Meinung hier sehr radikal ist. Ich war mein Leben lang arm und die meisten meiner PartnerInnen waren es nicht. In meiner ersten längeren Beziehungen hab ich noch finanzielle Hilfe angenommen, damals hab ich noch studiert und auf Besserung der Lage gehofft. Mir wurde das nie direkt vorgeworfen oder irgendwas gefordert, aber ich konnte das weder vor mir, noch vor ihm, noch vor seinem Umfeld rechtfertigen. Ich hatte auch danach Partner mit teils sehr viel höherem Einkommen, aber für mich gibt es da keinen "gemeinsamen Topf". Es ist manchmal hart, weil ich nicht alles mitmachen kann, was mein Gegenüber gern unternehmen möchte usw.. Aber so behalte ich meinen Stolz und mein Gegenüber das Wissen, dass ich zu 100% nicht aus finanziellen Gründen bei ihm bin.

Wenn ich also „Geld macht nicht glücklich“ höre, lache ich bitter auf, und ich kann mir nur selten verkneifen etwas zu sagen wie: "Nein, macht es nicht automatisch. Aber es ist die Grundlage zum Essen, Wohnen, Kleidung tragen... es ist die Grundlage zum Leben." In diesem Sinn glaube ich tatsächlich, dass Geld Existenz ist.

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Diese Playlist entstand Ende Mai 2026.

Genauer gesagt entstand sie in einem dieser seltenen Momente, in denen man plötzlich merkt, dass etwas Schönes möglich sein könnte und jeder Schritt bis hierher den Weg bereits wert war.

Ich stand im silbrig-goldenen Licht, dass die Küste gepachtet zu haben scheint, hinter der Kaiser-Wilhelm-Brücke und schaute auf das wie so oft unverschämt blaue Hafenwasser meiner geliebten Schlicktown.

Und um diesen eh schon perfekten Moment noch unglaublicher zu machen hörte ich in diesem Augenblick zum ersten Mal Johnny Cashs Version von Leonhard Cohens "Bird on a Wire". Der Song erzählt von Freiheit, von Fehlern und von den Menschen, die wir dabei verletzen oder verlieren können und dem Versuch, trotz allem seinen eigenen Weg zu gehen. Über einen Menschen, der zurückblickt, bereut, hadert und trotzdem weitergeht. Und Johnny Cash interpretiert das Werk dabei auf ganz eigene Weise, mit Cohnen ebenbürtiger schwindelerregender Tiefe. Zwei Giganten der Ehrlichkeit, die sich voreinander verneigen.

Derart überwältigt wartete ich auf mein Date, der mich zu diesem Zeitpunkt schon so sehr mit seiner Offenheit und Reflektiertheit vom Hocker gehauen hatte, dass ich wusste, jede Sekunde mit diesem Mann ist es wert. Was auch immer daraus wird.

Was zunächst aus dem musikalischen Moment wurde war eine Playlist, die ich daraufhin zusammenstellte um diesen Gefühlen von Wahrhaftigkeit und freudiger Ungewissheit Ausdruck zu verleihen. Nicht weil sie inhaltlich die letzten Tage zusammenfassen, sondern weil sie diese glitzernden Momente ausdrücken.

Freudige Ungewissheit - Spotify

Freudige Ungewissheit - YouTube

The Builders and The Butchers - Black Dresses

Johnny Cash - Help Me

The Kinks - Waterloo Sunset

Johnny Cash - Rusty Cage

The Kinks - Strangers

The Devil Makes Three - Graveyard

T. Rex - Hot Love - A Side

The Devil Makes Three - To the Hilt

The Kinks - You Really Got Me

The Devil Makes Three - Chained to the Couch

The Kinks - Sunny Afternoon

The Devil Makes Three - All Hail

The Kinks - A Well Respected Man

Johnny Cash - Four Strong Winds

Johnny Cash - Country Trash

The Kinks - Lola

The Easybeats - Friday On My Mind

The Animals - It's My Life

Pete Bernhard - Straight Line

The Devil Makes Three - Chase the Feeling

T. Rex - Jeepster

The Haunted Windchimes - Out With the Crow

The Box Tops - The Letter

Johnny Cash - Bird On A Wire

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Disclaimer und Grundlage

Dieser Text beschäftigt sich nicht mit der Frage, ob die beschriebenen Ereignisse historisch genau so stattgefunden haben, ob Jesus tatsächlich Gottes Sohn ist, ob er wirklich auferstanden ist oder ob Wunder real so passiert sind. Diese Fragen sind für diesen Text nicht entscheidend.

Grundlage ist eine verbreitete deutsche Bibelübersetzung, konkret die „Gute Nachricht“. Sie wird hier nicht als dogmatische oder theologische Autorität verwendet, sondern als allgemein zugängliche, verständliche Fassung dessen, was im Neuen Testament über Jesus erzählt wird. Ich habe persönlich ursprünglich mit der Lutherbibel gelernt, aber für diesen Text ist Verständlichkeit wichtiger als sprachliche Tradition.

Warum dieser Text?

Ich schreibe diesen Text nicht aus Ablehnung gegenüber Religion oder Kirche. Ich bin evangelisch geprägt, habe Konfirmandenunterricht erlebt und war als junger Mensch der Kirche durchaus positiv gegenüber eingestellt. Ich habe lange versucht, an das zu glauben, was dort vermittelt wird, weil mir vieles daran sympathisch ist. Ich kann es dennoch nicht glauben. Nicht aus ideologischer Entscheidung, sondern weil ich es innerlich nicht kann. Ich glaube nicht an Gott, nicht an ein Leben nach dem Tod und nicht an eine Auferstehung.

Trotzdem hat mich das, was über Jesus im Neuen Testament überliefert ist, nachhaltig beeindruckt. Bei der Vorarbeit für diesen Text habe ich viel erneut gelesen und an einigen Stellen war ich auch irritiert, aber an anderen wieder hingerissen von der wunderschönen Klarheit dieser Worte. Aber es schockiert mich, wie manche offiziell den Lehren von Jesus Christus folgen und dennoch für Ausgrenzung von Menschen argumentieren. Vielleicht habe ich ja etwas falsch verstanden, weil ich nicht glaube, ihr dürft mich gern widerlegen oder noch lieber selbst in diesen Texten versinken. Schlagen wir also das "Buch der Bücher" endlich mal wieder auf.

Gewaltlosigkeit

Vom Vergelten (Matthäus 5,38-42)

"38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist 2. Mose 21,24: »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« 39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. 40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. 41 Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. 42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will."

Von der Feindesliebe (Matthäus 5,43-45)

"43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« 3. Mose 19,18 und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45 auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte."

Diese Aussagen reden nicht davon dass man "nett" sein soll, oder nicht so dolle nachtragend. Sondern fordern radikal für Feinde zu beten, sie zu lieben und ihnen mehr als gefordert geben, sollten sie Forderungen stellen oder angreifen. Das ist in der Realität schwer umsetzbar. Allerdings sind es Ideen von Deeskalation und Unterbrechung von Gewaltspiralen von vor 2000 Jahren, nach Ideen von Gott (angeblich).

Zuwendung zu Ausgegrenzten

In den Erzählungen wird Jesus immer wieder im Kontakt mit Menschen gezeigt, die gesellschaftlich oder religiös am Rand stehen.

Die Berufung des Matthäus und das Mahl mit den Zöllnern (Matthäus 9,10-13)

"10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. 11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? 12 Als das Jesus hörte, sprach er: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 13 Geht aber hin und lernt, was das heißt Hos 6,6: »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder."

Für Jesus ist es also quasi selbstverständlich mit den "Sündern" zu essen. Er geht nicht zum belehren hin, er isst mit ihnen zusammen.

Vom Weltgericht (Matthäus 25,34-40)

"34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan."

Manchmal reißen die Worte auch mich mit, obwohl ich an keinerlei Leben nach dem Tod glaube, denn dass ist was ich möchte, dass Menschen im Leben glauben. Das ist was ich versuche zu leben.

Radikale Vergebung

Vom verlorenen Sohn (Lukas 15,21-24)

"21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden."

Diese Geschichte wirkt fast ungerecht, der eine Sohn zieht mit dem Geld des Vaters aus und verprasst und sehr egoistisch gehandelt, der andere bleibt auf dem Hof und arbeitet mit dem Vater. Dennoch wird er euphorisch willkommen geheißen und ihm wird sofort vergeben.

Jesus und die Ehebrecherin (Johannes 8,3-7)

"3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte 4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5 Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? 6 Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie."

Hier geht es nicht mal um Vergebung, sondern um eine radikale Spiegelung, dass selbst die, die sich als gerecht erachten schon die eigenen Maßstäbe gebrochen haben.

Der Pharisäer und der Zöllner (Lukas 18,9-14)

"9 Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: 10 Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. 12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. 13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden."

Frömmigkeit wird hier also geringer geachtet als echte Reue. Das ist auch eine der Stellen, die mich selbst unglaublich berührt hat.

Kritik an Macht, Kommerz und Heuchelei

Jesus im Tempel (Markus 11,15-17)

"15 Und sie kamen nach Jerusalem. Und Jesus ging in den Tempel und fing an, hinauszutreiben die Verkäufer und Käufer im Tempel; und die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler stieß er um 16 und ließ nicht zu, dass jemand etwas durch den Tempel trüge. 17 Und er lehrte und sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben Jes 56,7: »Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker«? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht."

Ein Schelm wer jetzt an Fernsehprediger und Christfluencer denkt...

Gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer (Matthäus 23,1-12)

"1 Da redete Jesus zu dem Volk und zu seinen Jüngern 2 und sprach: Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und die Pharisäer. 3 Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln; denn sie sagen’s zwar, tun’s aber nicht. 4 Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür rühren. 5 Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. 6 Sie sitzen gern obenan beim Gastmahl und in den Synagogen 7 und haben’s gern, dass sie auf dem Markt gegrüßt und von den Leuten Rabbi genannt werden. 8 Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. 9 Und ihr sollt niemand euren Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater: der im Himmel. 10 Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. 11 Der Größte unter euch soll euer Diener sein. 12 Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden."

Hier wird ziemlich hart (in den folgenden Psalmen noch mehr), mit Doppelmoral und Selbstüberhöhung abgerechnet, Gott als oberste Instanz und Jesus als Lehrer für alle Gläubigen gesetzt. Damit auch die Lehren, die mich immer wieder aufs neue faszinieren.

Mein Fazit

Ich werde es nie schaffen an Gott und Auferstehung zu glauben, wenn allerdings nach solch erhebenden Zeilen, wie ich sie hier zitiert habe, bei uns in der Kirche: "Worte des lebendigen Gottes" gesagt wurde, hatte ich kurz ein Gefühl von: "Ja, das klingt göttlich.". Manchmal habe ich von außen den Eindruck das Jesus von Leuten, die wirklich glauben, etwas wenig als der einzige Lehrer gesehen wird und dass ich dies sehr bedauere, dürfte nach meinem kleinen Bibelexkurs klar geworden sein.

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... hält nichts mehr aus.

... sind alle oberflächlich.

... liest nicht mehr.

... hört nur noch seichte Musik.

... und überhaupt sei irgendetwas Grundsätzliches verloren gegangen und die Menschheit dem Untergang geweiht, wegen der jungen Leute.

Was mich daran irritiert, ist nicht einmal die Kritik selbst. Natürlich kann man Entwicklungen kritisieren und vor allem auch davon überfordert sein. Natürlich gibt es Trends, die man unangenehm oder problematisch finden darf. Ich verstehe das Gefühl dahinter aus eigener Erfahrung. Und jede Generation schaut irgendwann auf Dinge, die sie nicht mehr selbstverständlich versteht.

Was mich irritiert, ist etwas anderes. dass ich solche Sätze wie oben von intelligenten und geschätzten Menschen höre. Von Leuten also, die eigentlich sehr genau wissen, wie grob und unpräzise große Sammelbegriffe sind. Personen, die niemals ernsthaft sagen würden: „Männer sind halt so“ oder „Ausländer eben“. Weil sie wissen, dass größere Gruppen aus Einzelnen bestehen mit all ihren individuellen Facetten und gleichzeitig Prägungen von Systemen. Viel zu komplexe Wesen für so einheitliche Urteile. Nur bei der Jugend scheint diese Differenzierung plötzlich Urlaub zu machen. Da wird aus Millionen Einzelpersonen eine einzige Figur: die Jugend. Ein beinahe mythisches Wesen mit gemeinsamer Psyche und sogar identischem Musikgeschmack.

Und ich frage mich zunehmend, warum ausgerechnet dort. Vielleicht gehört ein Teil davon tatsächlich zum Menschsein. Junge Menschen probieren meist anderes aus. Sie sprechen oft anders, hören andere Musik, benutzen andere technische Lösungen und bauen sich eine Welt, die nicht dieselbe sein soll wie die ihrer Eltern. Sie wollen sich unbedingt unterscheiden. Das wollte meine Generation, das wollten meine Eltern, deren Eltern usw..

Und vielleicht gehört auf der anderen Seite ebenso dazu, dass Ältere erst einmal die Stirn runzeln und kritisch hinterfragen was die Jungen da tun.

Nur etwas beschäftigt mich dabei. Sollten wir mit vierzig, fünfzig oder sechzig nicht langsam gelernt haben, vorsichtiger mit solchen Urteilen zu werden?

Meine Gedanken wandern dabei zum "Steppenwolf" von Hermann Hesse.

Harry Haller wertet die Zeit in der er lebt quasi permanent ab. Das kulturelle Leben erscheint ihm oberflächlich, laut und minderwertig und beschäftigt sich mit Dingen, die ihm fremd bleiben. Und dabei wirkt er äußerst intelligent und gebildet. Gerade das macht ihn interessant. Er ist sensibel, politisch und ernsthaft suchend.

Nur liegt darin eine kleine Ironie, wenn man den Roman heute liest.

Denn Haller lebt mitten in den 1920er Jahren. Also nicht in einer kulturellen Wüste, sondern in einer Zeit, die von heute betrachtet fast wie ein Gewächshaus der Kreativität wirkt. Architektur, neue Formensprache, Malerei, Film, wissenschaftliche Durchbrüche, Technik, Fotografie, Literatur, Jazz und gesellschaftliche Experimente. Eine Zeit, die eher vor Ideen wucherte, als dass sie kulturell verarmte. Und trotzdem konnte ein intelligenter, kunstinteressierter Mensch mitten darin sitzen und den kulturellen Niedergang beklagen. Das finde ich weniger lächerlich als erstaunlich menschlich. Er verachtet nicht nur Teile seiner Gegenwart. Er verachtet große Teile von sich selbst gleich mit: das Bürgerliche, das Körperliche, das Alltägliche, die Triebhaftigkeit, die Anpassung, die Zerstreuung. Das sind alles Dinge, die er in sich feststellt und mit einer Wucht hasst, dass sie beim lesen wie Selbstverletzung wirken. Er lebt in einer permanenten inneren Zerreißprobe zwischen geistigem Ideal und menschlicher Wirklichkeit. Und SPOILER(!): Die eigentliche Aufgabe, die der Steppenwolf bekommt, ist über sich selbst lachen lernen.

Vielleicht verwechseln viele von uns manchmal Fremdheit mit Verfall, wir verachten manchmal das was andere leben und wir uns nicht trauen. Nicht weil wir böse oder dumm wären. Sondern möglicherweise weil wir dachten, unsere Zeit so gut gestaltet zu haben, dass es nichts mehr zu verändern gäbe.

Die Frage ist für mich weniger: "Braucht die Gesellschaft die Kritik an Trends und Neuerungen, damit die Demokratie funktioniert?" sondern "Bringt es dem einzelnen etwas an der jungen Generation zu verzweifeln und ihnen gar nichts mehr Gutes zuzutrauen?". Und woran es auch liegen mag, vielleicht lohnt sich ein kleiner Moment der Vorsicht, bevor wir sagen:

„Die Jugend heutzutage …“

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Seit 6 Tagen frage ich mich, ob ich irgendwas unglaublich tolles gemacht habe um dieses Leuchten in meinem Leben zu verdienen, dass mehr und mehr Einzug erhält.

Ich bin verliebt, über beide Ohren, wie einen Teeny hat es mich erwischt. Und gleichzeitig bin ich auf meinem Level 44, mit all meinen Macken und Triggerpunkten und gelebtem Leben. Vorsichtig und mit vollem Risiko auf einmal, streckt sich mein innerer Romantiker wohlig im silber-goldenen Licht der Küste und eines Menschen, der das Wort "großzügig" auf eine wundervolle, völlig unkommerzielle Weise füllt.

... an dieser Stelle hab ich 3 Absätze verliebtes Schwärmen wieder gelöscht und grinse einfach weiter ein wenig durch die Welt, bis meine Hormone nicht mehr CanCan tanzen...

Und mit mir zum Beispiel an diesen unglaublich schönen Ort fährt, nach dem ich meine Leidenschaft für Blumen erwähnt hatte.

My Country Trash - Markertube

My Country Trash - YouTube

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Zunächst ein Hinweis zur RPG - Reihe, da hatte ich hier vergessen einen Teil zu posten. Auf Substrack ist die Reihe vollständig siehe hier

Mitautoren meiner Momente

Für mich hat das Kennenlernen von Menschen eine Bedeutung, die anscheinend etwas tiefer ist als üblich. Es ist nicht einfach ein notwendiges Übel um nicht allein zu sein, sondern eine Art Hauptbewegung meines Lebens. Für mich ist eine Hauptquest des Lebens: Menschen zu begegnen, sie wirklich zu erleben, und dadurch selbst Teil ihrer Geschichte zu werden und sie Teil meiner werden zu lassen.

Damit meine ich nicht, dass ich in Erinnerung bleibe oder dass jemand irgendwann sagt „da war mal jemand“. Das ist etwas Oberflächlicheres, das passiert fast automatisch unter bestimmten Bedingungen. Ich meine etwas anderes: dass man in zumindest einem Lebensabschnitt aus der Erzählung des selben nicht mehr wegzudenken ist. Nicht als Randfigur, sondern als notwendiger Teil der Struktur dieser Zeit. Das kann bei mir durch Nähe entstehen, durch emotionale Verdichtung, durch gemeinsame Entscheidungen, Konflikte oder geteilte Momente. Es kann aber genauso gut durch reine Dauer entstehen. Zwei Menschen, die zwanzig Jahre lang nebeneinander arbeiten, acht Stunden am Tag, vierzig Stunden die Woche, werden zwangsläufig Teil derselben Erzähl-Realität. Selbst wenn sie privat nichts miteinander teilen, selbst wenn sie sich nicht mögen, wird diese gemeinsame Zeit später nicht mehr vollständig beschreibbar sein, ohne den jeweils anderen mitzudenken.

Genau deshalb hat dieses „in Geschichten vorkommen“ für mich nichts Exklusives oder Romantisches im engen Sinn. Es ist kein Preis für besondere Nähe, sondern ein Effekt von gemeinsam gelebter Zeit und gegenseitiger Wahrnehmung. Und trotzdem bleibt es für mich eines der zentralen Dinge, die zwischen Menschen passieren können. Neue Menschen in meinem Leben beginnen für mich nicht als „neutral“ oder „unwichtig“, sondern als Möglichkeit. Nicht im Sinne einer romantischen Überhöhung, sondern im Sinne eines offenen Status: Diese Begegnung könnte Bedeutung bekommen, könnte verschwinden, könnte sich in etwas Dauerhaftes verwandeln oder nur als kurzer Moment im Verlauf bleiben. Aber in dem Moment, in dem sie passiert, ist sie es immer wert.

Biografische Relevanz ist für mich kein objektives Maß und kein Punktesystem. Sie ist eher eine spätere Verdichtung. Im Rückblick werden aus Gesprächen, Sonnenaufgängen, Konflikten oder Nähephasen Abschnitte, die sich nicht mehr aus meiner erlebten Zeit sauber herauslösen lassen, ohne dass die Geschichte unvollständig wird. Nicht jeder Mensch wird so ein Abschnitt, aber wenn er es wird, ist das nicht vorher als Status erkennbar gewesen, sondern erst aus dem Verlauf der Zeit zu erkennen.

Ich glaube nicht, dass diese Relevanz planbar ist. Sie entsteht nicht durch Absicht, sondern durch Wiederholung, Intensität, Konflikt, Nähe oder auch schlicht durch lange Dauer, die sich später nicht mehr entkoppeln lassen vom Gesamtbild einer Zeit.

Dabei ist mir wichtig, dass das keine Bewertung von Menschen ist. Niemand muss „Kapitel werden“, um Bedeutung zu haben, jeder Mensch hat für sich selbst die ultimative Bedeutung unabhängig davon wie wichtig er mir oder anderen ist. Wenn es nicht entsteht, dann heißt das nur dass es zwischen zwei Menschen nicht war. Unsere Spezies besteht aus etwa 8 Milliarden Exemplaren, jedes ein Universum aus Eigenschaften, Charaktereigenschaften, Prägungen, Vorlieben, Hobbys, Macken usw., jedes unendlich individuell und doch ähnlich.

Was bleibt, ist eine Art innere Archivlogik: Ich kann viele Menschen nicht vollständig aus dem entfernen, was war. Sie bleiben als Teil dessen, wie diese Zeit gewesen ist und dass möchte ich auch in deren Leben sein.

Mitautoren meiner Momente

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